Wissen wir in Zukunft mehr oder weniger

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Prof. Dr. Sandra Richter

Wissen hat im digitalen Zeitalter neue Formen angenommen. Ist es jetzt einfacher oder schwieriger, etwas zu wissen? Und wie schaffen es Institutionen wie Bibliotheken und Archive, Wissen von heute ins Morgen zu tragen? Ein Gespräch mit Sandra Richter, der Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

Frau Richter, Literaturarchive stellt man sich gern als endlose Gänge voller Bücherregale vor. Wie sieht die Wirklichkeit in Marbach aus?

Sandra Richter:Bücher und Zeitschriften machen natürlich einen großen Teil des Archivs aus. Aber unser Bestand umfasst weit mehr. Das, was Sie auf der Oberfläche sehen, die Schillerhöhe, die Museen – das ist nur ein Bruchteil. Über 5000 Quadratmeter, und damit der weitaus größte Teil, liegen unter der Erde. Neben Büchern und Zeitschriften werden hier über 1400 Archive von Autorinnen und Autoren sowie Tausende von Objekten aus den Nach- und Vorlässen von Autorinnen und Autoren aufbewahrt. Darunter können Bilder sein, Skulpturen, Masken, Fotokonvolute und Alltagsgegenstände. Auch die Pistole, mit der Wolfgang Herrndorf sein Leben beendet hat, ist dabei. Eine unserer Mitarbeiterinnen besitzt einen Waffenschein. Insgesamt haben wir allein 450.000 Objekte.

Welche Medien gibt es darüber hinaus?

Tonaufnahmen machen einen wichtigen Teil der Sammlung aus. In den 1980er Jahren begann man in Marbach, die Produktion von Liedermachern zu sammeln, unter anderem von Konstantin Wecker, Blixa Bargeld und Rio Reiser. Das umfasst Medien wie Kassetten, DVDs, Youtube-Clips, Konzertmitschnitte und Filme. Es zogen nach und nach auch die verschiedensten digitalen Literaturformen ins Archiv ein.

Die Digitalisierung eröffnet uns neue Zugänge zu Wissen. Wie gehen wir am besten damit um?

Als Wissenschaftlerin finde ich das Mehr an Wissen, auf das wir digital zugreifen können, sehr spannend. Gleichzeitig stellt es uns vor neue Herausforderungen. Denn ein Mehr an Wissen verlangt auch mehr von uns, mehr Reflexionsvermögen, mehr systematische Ordnung. Es stellt neue Fragen: Wie überprüfen wir etwa den Wahrheitsgehalt von Informationen? Am besten nähern wir uns diesem Mehr durch ein methodisch reflektiertes Vorgehen.

Warum ist das wichtig?

Um sich heute ein überprüfbares, solides Wissen anzueignen, muss man verschiedene Herangehensweisen kombinieren können. Sicherlich ist es in Ordnung, sich die ersten Informationen im Internet zu beschaffen. Aber dann muss es weitergehen, rein in die Bibliotheken und Archive, hin zum Papier. Das ständige Abwägen und Beurteilen von Informationen ist dabei ein ständiger Begleiter.

         Unser Wissen nimmt stetig zu. Wichtig ist es, methodisch reflektiert damit umzugehen.                  Unser Wissen nimmt stetig zu. Wichtig ist es, methodisch reflektiert damit umzugehen.                  Unser Wissen nimmt stetig zu. Wichtig ist es, methodisch reflektiert damit umzugehen.                  Unser Wissen nimmt stetig zu. Wichtig ist es, methodisch reflektiert damit umzugehen.         

Was bedeutet es, mehr zu wissen?

Mehr wissen heißt, sich auch der Vergangenheit bewusst werden zu wollen. Nur aus diesem Wissen heraus kann man in die Zukunft blicken, nur so kann man auch in der Zukunft mehr wissen. Dies schließt die Arbeit der Archive unmittelbar ein. Als Literaturarchiv tun wir etwas Ungewöhnliches: Wir sammeln nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft.

Wie sieht das konkret aus?

Das passiert auf mehreren Ebenen. Zum Beispiel durch unsere Auswahl dessen, was wir ins Archiv aufnehmen. Mit jeder Entscheidung gestalten wir den Literaturkanon der Zukunft mit. Außerdem beobachten wir in unserer Bibliothek, welche literarischen Formen sich entwickeln. Dieser Blick beeinflusst unser Sammeln. Zukunft und Vergangenheit verstärken sich so gegenseitig. Eine weitere Zukunftsperspektive liefern die Vorlässe von lebenden Autoren: Sie vertrauen uns Sammlungen an, die wir für Forschung und Ausstellungen zugänglich machen. Unsere Aufgabe ist es, sie lebendig zu halten und neue Erkenntnisse zu ermöglichen.

Haben Sie einen Lieblingsnachlass?

Den habe ich tatsächlich: Es ist das Werk von Irmtraud Morgner, die eine magisch-realistische Literatur hinterlässt, provokativ, ironisch, sehr humorvoll.

Bleibt eigentlich – gemessen am ständigen Zuwachs – auch viel Wissen auf der Strecke?

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das, was wir ins Archiv aufnehmen, nur ein Minimum dessen repräsentiert, was literarisch in der Welt passiert. Wir müssen damit leben, dass es Lücken gibt. Aber der Verlust von Wissen ist nichts Neues. Es gibt ihn schon seit jeher.

Inwiefern?

Literatur hat noch nie nur zwischen zwei Buchdeckeln stattgefunden. Immer gab es flüchtige, schwer überlieferbare Formen von Literatur – und damit von Wissen. In der Antike wurde sie gesungen, im Theater zelebriert; im Mittelalter tauchten literarische Formen im Zusammenhang mit höfischen Zeremonien und dem Minnesang auf. Wir kennen nur einen Bruchteil der Literatur, die es damals gegeben hat. Insofern setzen die flüchtigen Formen der Literatur, die das Internet mit sich gebracht hat, eine Tradition fort.

         Mehr wissen heißt, sich auch der Vergangenheit bewusst werden zu wollen.                  Mehr wissen heißt, sich auch der Vergangenheit bewusst werden zu wollen.                  Mehr wissen heißt, sich auch der Vergangenheit bewusst werden zu wollen.                  Mehr wissen heißt, sich auch der Vergangenheit bewusst werden zu wollen.         

Mit welchen Formen digitaler Literatur beschäftigt sich das Archiv?

Das Archiv setzt schon lange einen Schwerpunkt bei Literatur im Netz. Seit 2008 werden ausgewählte Netzpublikationen gesammelt, um diese Literaturform für die wissenschaftliche Forschung langfristig zugänglich zu machen. Zurzeit befinden sich im Archiv rund 90 literarische Zeitschriften, 330 Weblogs und knapp 60 Netzliteratur-Projekte. Auch die Vor- und Nachlässe von Autoren bereichern unsere Sammlung in diese Richtung. Darunter fallen Computer von Autoren, Disketten, Floppy-Disks, E-Mails, Websites etc.

Machen es digitale Textformen schwieriger, Wissen zu bewahren und weiterzugeben?

Ja, es ist eine große Herausforderung. Wir beschäftigen uns kontinuierlich mit der Frage, wie wir ein Gedächtnis erzeugen können. Unsere IT-Experten sind stetig damit beschäftigt, umzuspeichern, Dateien anzulegen, zu strukturieren. Zurzeit haben wir vier Millionen Dateien im Archiv, die auf einem Langzeitserver gespeichert werden. Das Gedächtnis der Mediengesellschaft von morgen ist ein weites Feld.

Was würden Sie gerne verstärkt sammeln?

Literatur auf Twitter. Aber das ist auch ein Kapazitätsproblem. Im Rahmen eines drittmittelfinanzierten Projektes über Netzliteratur haben wir einige Jahre flüchtige Produkte aus dem Netz sammeln können. Zurzeit passiert das nicht, und wir fragen uns, was wir mit diesem Teil des Wissens tun, der verloren zu gehen droht. Umso erfreulicher ist es, dass wir Unterstützer wie die Baden-Württemberg Stiftung haben, die uns das Bewahren, Fördern und Vermitteln von Kultur enorm erleichtern.

Auf welche Projekte freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Wir feiern dieses Jahr gleich zwei Geburtstage: den jeweils 250. Geburtstag von Hegel und von Hölderlin. Deshalb widmet sich auch der diesjährige Literatursommer diesem Thema, dabei ist die Baden-Württemberg Stiftung unser Partner. Besonders freue ich mich darüber, dass wir hier nicht in ehrfürchtigem Gedenken erstarren, sondern Formate schaffen, die auch neue Leser- und Zuschauerkreise erschließen. Im Programm „Kunst & Kultur“ werden wir ein weiteres Hölderlin-Projekt realisieren, bei dem uns die Stiftung auch unterstützt. Da geht es ganz konkret um Wissen, unter anderem zum Beispiel um die Frage, wie anders wir ein Gedicht wahrnehmen, wenn wir mehr über den Autor und seine Zeit wissen. Besonders freue ich mich natürlich auf den Besuch des Bundespräsidenten, der unsere große Hölderlin-Ausstellung am 19. März in Marbach eröffnen wird!

Eine Frage zum Schluss. Wie und wo lesen Sie eigentlich am liebsten?

In einem Buch zuhause auf dem Sofa, bei einer Tasse Kaffee.

Interview:Marie Thillmann

Sandra Richter

studierte Politische Wissenschaft, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Sie lehrte und forschte in Paris, London, Cambridge, Philadelphia, Beijing und Stuttgart. Von 2008 bis 2018 leitete sie die Abteilung Neue Deutsche Literatur I an der Universität Stuttgart, seit 2014 das Stuttgart Research Centre for Text Studies. Seit Januar 2019 ist Sandra Richter Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

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