Wie viel Wachstum ist genug

?Wachstum

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Sarna Röser

Die Diskussion um Wachstumsstopp ist eine Luxusutopie des gut versorgten Mitteleuropas.

Niko Paech

Das Überlebensprogramm für das 21. Jahrhundert beginnt vor der eigenen Haustür.

PRO
CONTRA

Schon im Jahr 1972 deklarierte der Club of Rome in seinem Werk „Grenzen des Wachstums“, dass die Endlichkeit der Ressourcen auch die Endlichkeit des Wirtschaftswachstums bedeutet. Seitdem wird die These, Klimaschutz wäre mit wirtschaftlichem Wachstum vereinbar, immer stärker in Frage gestellt. Durch die aktuelle Klimadebatte wird die Anklage noch konkreter: Unser Streben nach Wachstum würde den Temperaturanstieg, das Schmelzen der Polarkappen und die schwindende Biodiversität beschleunigen.

Manche Prognosen, die uns für 2020 das Ende der Konjunktur-Ära prophezeiten, haben sich jedoch nicht bestätigt. Die sogenannten Degrowth-Konzepte verfolgen dennoch bis heute die Idee von regional konzentrierten stationären Ökonomien, die unser derzeitiges System völlig verändern würden. Zinsen, Kapitalstock, Preis, Einkommen und Konsum müssen gleich bleiben oder nach Ansicht von Postwachstumsökonomen sogar sinken.

Wie sieht ein solches Konzept in der Realität aus? Eine Instanz, die dem Bäcker von nebenan vorschreibt, dass er heute, morgen und auch übermorgen höchstens 50 Brötchen verkaufen darf? Hier wird enorm viel Verantwortung in eine staatliche Institution gelegt, alle Auswirkungen von Wachstum auf die Wirtschaft zu erfassen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Am Ende bewegt sich dieses Konzept gefährlich in Richtung Planwirtschaft und Sozialismus. Alle Regime, die solch eine staatlich gelenkte Politik verfolgten, sind wirtschaftlich gescheitert.

Doch der eigentliche Fokus der Postwachstumsökonomie liegt auf Nachhaltigkeitszielen. Eins wird dabei aber oft vergessen: Umweltschutz und Wirtschaftswachstum sind keine Gegensätze. Vielmehr führt das eine zum anderen. Wirtschaftliches Wachstum ist stets die Folge neuen Wissens und gleichzusetzen mit Produkt- und Prozessinnovationen. Gerade im Mittelstand wird viel dafür getan, ressourcenschonend zu arbeiten. Wachstum durch Fortschritt und Innovation bedeutet, mit weniger Ressourcen bessere Produkte als zuvor herzustellen. Viele Unternehmen handeln mittlerweile aus Überzeugung, aber auch der Kostendruck in einem freiheitlichen Wettbewerbsumfeld hält uns Unternehmen dazu an. Eine Abkehr von dieser wirtschaftlichen Triebfeder würde Innovationsprozesse ausbremsen. Wenn wir uns ausschließlich auf regionale Wirtschaftskreisläufe konzentrierten, würde außerdem Arbeits- und Wissensteilung verhindert. Auch die Finanzierungen von Forschung und Entwicklung gestaltet sich dann deutlich schwieriger.

Zwar erscheint Wachstum in entwickelten Ländern heute weniger dringlich, weltweit gesehen ist es jedoch unbedingt notwendig, um die Welt zu verbessern. Wenn sich in Afrika die Bevölkerung schon bald verdoppeln wird, stellt sich nicht die Frage, ob Wachstum wünschenswert ist. Schon um Menschen mit lebensnotwendigen Ressourcen zu versorgen, ist Wachstum wichtig. Außerdem streben Menschen in Entwicklungsländern nach höheren Lebensstandards, die in den meisten Fällen nur durch Wachstum in Technologie und Infrastruktur erreicht werden können. Hierbei gilt es mit Blick auf die Umwelt auf die bestmöglichen Standards zurückzugreifen.

Fakt ist: Wirtschaftswachstum führt zu gesellschaftlicher Entwicklung, sinkender Armut, sinkender Säuglingssterblichkeit und besserer Bildung. Milliarden Menschen hat Wachstum aus Not und Elend geholfen. Wie können wir weltweit für bessere Lebensbedingungen und einen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens sorgen, wenn Degrowth ein großes internationales politisches Ziel wäre? Allein die Diskussion um Wachstumsstopp ist eine Luxusutopie des gut versorgten Mitteleuropas, das keine existenziellen Sorgen kennt. Aus der Perspektive eines Entwicklungslandes bleibt Degrowth als Leitlinie ein Affront.

Gerade in Entwicklungsländern ist Wachstum für Nachhaltigkeit und Umweltschutz besonders wichtig. Fortschrittliche Technologien, vor allem regenerative Energiequellen und ein ausgeklügelter Energiemix müssen etabliert werden, wenn wir weitere CO2-Emissionen verhindern möchten.

Wachstum bedeutet Fortschritt, der existenzbedrohende Armut bekämpft und unter den richtigen Bedingungen auch die Umwelt schützt. Ohne Zweifel braucht es eine ressourcenschonende Ökonomie und eine entsprechend verantwortliche Wirtschaftspolitik. Es müssen Anreize für das richtige Wachstum gesetzt werden – ein Wirtschaftswachstum, das die externen Kosten für den Umwelt-und Klimaschutz internalisiert. Wachstum als Ganzes zu verteufeln, ist ein fataler Schritt zurück.

Ehrgeizige Versuche, das moderne Konsum- und Mobilitätssystem mittels technischer Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln, schlugen nicht nur fehl, sondern führten zu manchen Verschlimmbesserungen. Jetzt bleibt nur noch ein Ausweg. Nämlich das globalisierte Industriemodell so weit zurückzubauen, dass die irdische Tragekapazität erhalten bleibt – und die damit zu vereinbarende Umweltbeanspruchung auf circa 7,6 Milliarden Menschen, die versorgt werden müssen, gleich verteilt wird.

Bezogen auf das eklatanteste Nachhaltigkeitsdefizit, den Klimawandel, hieße dies laut Umweltbundesamt, dass jedes Individuum pro Jahr durchschnittlich mit circa einer Tonne an CO2-Äquivalenten auszukommen hätte. Der deutsche Durchschnitt liegt bei ungefähr zwölf Tonnen. Für dieses zivilisatorische Großvorhaben existiert keine historische Parallele.

Um die hierzu nötigen Umstellungen in der Versorgung praktizieren zu können, braucht es eingeübtes Können und Belastbarkeit: keine Flugreisen, kein (eigenes) Auto, nicht überall Internet, maßvoller Wohnraum anstelle neuer Häuser, weniger (oder kein) Fleisch, keine Kunststoffverpackungen, reparierte Textilien und Möbel, keine eigene Waschmaschine und Bohrmaschine, kein Coffee to go, ein zehn Jahre alter Computer, nicht jeden Tag ins Restaurant gehen etc. Wer wählt eine Politik, die einem dies zumutet? Sicher nur jene, die bereits so leben.

Schon jetzt lassen sich soziale Experimentierfelder entwickeln, in denen erprobt werden kann, sich bei deutlich verringerter Industrieproduktion und fossiler Mobilität modern zu versorgen.

Damit weiterhin Vollbeschäftigung erreichbar ist, ginge mit der Transformation zum Weniger idealerweise eine durchschnittlich reduzierte Wochenarbeitszeit einher, folglich auch ein verringertes Realeinkommen. Um eine damit kompatible Lebensweise einzuüben, könnten dezentrale Erfahrungsräume reaktiviert oder aufgebaut werden: Neben kooperativen Nachbarschaften und lokalen Netzwerken wären gemeinschaftliche Wohnformen geeignet. Letztere könnten genossenschaftlich organisiert werden, um den oft hohen Einkommensanteil für Mieten zu mildern.

Diese Strukturen ermöglichen weitere finanzielle Einsparungen durch die Gemeinschaftsnutzung von Hausgeräten, Pflege- und Instandhaltungsleistungen sowie Mobilitätsdiensten. Weiterhin könnten komplementäre Fertigkeiten für die Reparatur, Wartung und Instandhaltung von Gebrauchsgegenständen sowie das Upcycling genutzt werden. Als Ressourcenbasis für derartige auf Selbstverwaltung und -versorgung gerichtete Modelle würden die freigestellten Stunden dienen, die aufgrund der Arbeitszeitverkürzung entstanden sind.

Wenn teure Güter wie Autos, Waschmaschinen, Werkzeuge etc. von durchschnittlich fünf Menschen genutzt werden, ist weniger Einkommen erforderlich, um die Verfügbarkeit moderner Konsumfunktionen zu finanzieren.

Dasselbe gilt für Praktiken, durch die Gebrauchsgegenstände länger genutzt werden können. Etwa durch achtsame Verwendung, Pflege, Instandhaltung und Reparatur sowie durch die eigenständige Produktion von Nahrungsmitteln und die Aufarbeitung oder Weitergabe gebrauchter Objekte.

Die Unabhängigkeit von industrieller Fremdversorgung ließe sich durch regionale Ressourcen-Zentren unterstützen, die eine Schnittstelle zwischen urbaner Selbstversorgung und postwachstumstauglichem Unternehmertum bilden. Brachgefallene Immobilien könnten umfunktioniert werden, um Arbeitsstationen für Handwerker zu bündeln, deren professionelle Reparaturdienste dort ansetzen, wo die eigenen Möglichkeiten der Instandhaltung enden.

Zudem lassen sich hier in Kooperation mit Betrieben der Abfallwirtschaft defekte Güter aufarbeiten, um sie zu vermarkten oder in einem angegliederten Verschenkladen anzubieten: In einem Ersatzteildepot würden alle noch funktionsfähigen Teile gesammelt. Eine Werkstatt ließe sich hier ebenfalls unterbringen, wo sich selbst designte, langlebige und reparable Produkte fertigen ließen. Zugleich könnte man den Ort als Verleihstation für Lastenfahrräder und Gebrauchsgegenstände nutzen; er würde sich auch als Verteilstelle für Foodsharing-Initiativen und die Solidarische Landwirtschaft anbieten.

Ökonomische Autonomie, verbunden mit genügsamen Konsumansprüchen und einem sesshaften Leben, bildet die Basis einer Überlebensstrategie für das 21. Jahrhundert. Mit der kann überall begonnen werden, statt auf ein politisches Wunder zu warten.

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Sarna Röser

ist Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER und designierte Nachfolgerin eines in dritter Generation geführten Familienunternehmens. Die 32-Jährige ist Gründerin des Start-ups beamcoo, das den Wissensaustausch von Mitarbeitern über Unternehmensgrenzen hinaus ermöglicht.

Niko Paech

ist seit 2010 außerplanmäßiger Professor und seit 2017 Hochschullehrer an der Universität Siegen im Fachbereich Plurale Ökonomik. Als Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher engagiert er sich in diversen Projekten. Die Wochenzeitschrift Die ZEIT bezeichnete den heute 59-Jährigen 2017 als „Deutschlands berühmtesten und radikalsten Wachstumskritiker“.

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