Wer können wir sein, wenn wir unseren Weg gehen

?Träume

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Ansgar Riedißer, 21, wünschte sich schon als Teenager, Autor zu werden. Wie nah ist er diesem Wunsch gekommen?

Die Kulturakademie der Stiftung Kinderland hat etwas verändert. Ich habe erlebt, dass es einen Raum gibt, der irgendwie anders funktioniert. Außerhalb der Schule, außerhalb der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ein Ort, an dem ich genau hinschauen kann auf das, was ist. Ich habe da erst gemerkt, was das Schreiben überhaupt sein kann. Und wie es ist, mich mit anderen Menschen dazu auszutauschen. Das war für mich als 13-Jähriger eine wichtige Erfahrung. Mit manchen Menschen, die ich dort kennengelernt habe, bin ich heute noch in Kontakt.

„ … diese Erleichterung, wenn ein bestimmter Funkspruch ankommt … ein kurzes Nicken und plötzlich sind wir irgendwo ganz anders.“

Ich schreibe heute natürlich anders als mit elf oder mit 13 Jahren. Es ist immer noch mein Ziel, als Autor zu arbeiten. Aber es ist nicht mehr ein großer Traum, sondern es sind verschiedene kleine Träume. Schreiben ist für mich nicht mehr nur literarisch, sondern auch journalistisch oder essayistisch. Ich probiere Mischformen aus und Formen, die nur noch indirekt mit dem Schreiben zu tun haben. Gesprächsformate etwa.

Mein Freund Max und ich haben eins entwickelt. Ein Podcast, der Männerkitsch heißt. Wir sehen genau hin auf das, was uns im Alltag begegnet, und plaudern locker darüber. Unser Podcast hat immer ein Thema, bietet aber auch Gelegenheit für Assoziationen. Uns geht es um das Sprechen über Männlichkeit. Über das andere Sprechen. Jenseits dieser langen Artikel in FAZ oder Zeit, in denen sich irgendein Mann darüber beklagt, dass Mann nichts mehr sagen darf.

Wir wollen schauen, was das für Bilder über Männer in unseren Köpfen sind. Aus einer jüngeren, offeneren Perspektive. Und natürlich wollen wir selbst herausfinden, was wir mit Männlichkeit meinen. Wenn ich vorher, eher unbewusst, eine Definition hatte, was ein Mann sein soll, ist die immer weiter geschrumpft. Ich denke heute: Es ist gut, so wenig wie möglich Druck aufzubauen, männlich zu sein.

„Es gibt noch mehr zu entdecken, wenn wir immer weiter von der Floskel wegwuchern.“

Wenn ich schreibe, dann sickert das irgendwie überall ein, in alle Tätigkeiten: spülen, U-Bahn fahren, im Theater sitzen. Ich wohne so viel und lange im Thema, dass der Text später relativ schnell entsteht.

Selbst wenn ich jetzt zwei Monate nicht schreibe, würde ich trotzdem gedanklich Sätze notieren, die Rhythmen von Sätzen. Das ist so sehr ein Teil meiner Wahrnehmung geworden, dass ich es nicht mehr loswerde. Selbst wenn ich wollte. Aber zu meinem Glück will ich ja nicht.

Es sind nicht so sehr die Themen, die mich berühren. Es ist die Sprache, eine Formulierung, ein Bild, das mich in einen neuen Zustand versetzt. Ein Satz, der perfekt ist, ohne dass ich genau weiß, warum. Plötzlich schaue ich genauer auf eine kleine Beobachtung und habe andere Wörter gefunden. Eine andere Formulierung, die ich nicht schon hundertmal gedacht habe.

„Die Sprache ist tückisch. Sie bietet Bilder an, und gehe ich darauf ein, weiß ich nie, wo ich aufwachen werde.“

Ich habe in der Oberstufe ein Theaterstück geschrieben, in dem es um Träume ging. Ich erinnere mich daran, wie schwierig es war, Aussagen oder Szenen zu finden, die nicht aus einem Disneyfilm stammen könnten. Ich habe für meinen Traum gekämpft ... Du musst nur an deinen Traum glauben … Wenn du nur hart genug arbeitest … Ich weiß nicht, ob ich dazu etwas Sinnvolles sagen kann.

Interview:Iris Hobler

Ansgar Riedißer

Über den 15-jährigen Ansgar berichteten wir in unserem Magazin. Er hatte an der Kulturakademie teilgenommen. Er liebt Literatur, die Wörter, schreibt Gedichte und Prosa. Damals sagte er, dass er als Autor arbeiten wolle. Fast sieben Jahre später lebt Ansgar in Berlin, studiert Vergleichende Literaturwissenschaft – und schreibt.

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