Wird unser Verhalten immer vorhersehbarer

?Überwachung

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Prof. Dr. Armin Nassehi

Big Data bestimmt zunehmend unser gesellschaftliches und politisches Leben. Das Phänomen ist allgegenwärtig, aber dennoch schwer zu fassen. Berührungsängste, was das Thema Daten betrifft, hat Armin Nassehi nicht. Im Gegenteil. Der Soziologe sieht darin sogar einen der entscheidenden Treiber für sozialen Wandel.

Die Soziologie nimmt das gesellschaftliche Zusammenleben in den Blick. Es geht oft darum, unsichtbare Herrschaftsbezüge aufzudecken. In Ihrem zuletzt erschienenen Buch haben Sie sich intensiv mit Datensystemen beschäftigt. Warum ausgerechnet dieser Schwerpunkt?

Armin Nassehi:Als jemand, der sich für die gegenwärtige Gesellschaft interessiert, kommt man an dem Thema nicht vorbei. Man müsste eher erklären, wie man als Soziologe nicht daraufkommen kann. Diese ganzen Datenverarbeitungsformen zeigen uns auf, wie erwartbar unser Verhalten ist. Wir denken immer, dass wir als individuelle Akteure entscheiden, aber eigentlich tun wir das nicht. Wir stecken gewissermaßen in einem Muster, das man mit Datenverarbeitungsformen erkennen kann.

Haben Sie ein Beispiel?

Gleich mehrere. Man kann aus Bewegungsprofilen von Menschen auf Plätzen errechnen, ob die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags steigt. Man kann aus Gesichtserkennung entnehmen, was eine Person fühlt. Man kann an Suchanfragen bei Google ablesen, ob irgendwo gerade eine Grippeepidemie ausbricht. Aus diesen Daten lassen sich Muster ableiten.

Und warum ist das interessant für Sie?

Weil diese Muster zeigen, dass die Gesellschaft viel regelmäßiger funktioniert, als wir immer glauben. Wenn ich mir angucke, wie meine ästhetischen und Konsumvorlieben so sind ... die sind wahnsinnig regelhaft.

Wie sehen die denn aus?

Ich bin fast 60 Jahre alt. Mein Umfeld würde ich als durchaus gediegen beschreiben, andererseits auch ein bisschen bürgerlich-behäbig. Ich finde klassische Musik schön. Und auch mein Auto, ich fahre einen Mercedes E-Klasse-Kombi mit dem kleinsten Benzinmotor, entspricht den ästhetischen Erwartungen an meinen sozialen Status. Soziologen interessieren sich dafür, in welchen Zusammenhängen Menschen entscheiden und wodurch Entscheidungen vorgeprägt werden. Das ist es auch, was die Soziologie für viele Leute zu einer wirklich schlimmen Wissenschaft macht. Weil Soziologen immer schon sagen können: „Na ja, das sagst du, weil du aus diesem Milieu kommst, diese Klassenlage und dieses Geschlecht hast.“ Aber genau dieses Regelhafte wird jetzt durch die Datenverarbeitung professionalisiert.

Wie meinen Sie das?

Heute werden Daten von allen möglichen Leuten gesammelt. Vom Staat, von privaten Akteuren, Unternehmen, Banken. Große Datenmengen werden allerdings schon länger gesammelt. Denken Sie an die nationalen statistischen Ämter, die im 19. Jahrhundert entstanden sind. Mit dem Unterschied, dass Daten zu jener Zeit gezielt und mit einem bestimmten Zweck gesammelt wurden. Heute sind die Daten nicht immer gezielt erhobene Daten, sondern ein Rohstoff, aus dem sich erst Anwendungen ergeben. Es können auch unterschiedliche Datensätze miteinander kombiniert werden, und daraus ergeben sich neue Fragen.

         Heute werden Daten von allen möglichen Leuten gesammelt. Vom Staat, von privaten Akteuren, Unternehmen, Banken. Große Datenmengen werden allerdings schon länger gesammelt.                  Heute werden Daten von allen möglichen Leuten gesammelt. Vom Staat, von privaten Akteuren, Unternehmen, Banken. Große Datenmengen werden allerdings schon länger gesammelt.                  Heute werden Daten von allen möglichen Leuten gesammelt. Vom Staat, von privaten Akteuren, Unternehmen, Banken. Große Datenmengen werden allerdings schon länger gesammelt.                  Heute werden Daten von allen möglichen Leuten gesammelt. Vom Staat, von privaten Akteuren, Unternehmen, Banken. Große Datenmengen werden allerdings schon länger gesammelt.         

Unsere Entscheidungen werden also nicht mehr allein durch unser soziales Umfeld, sondern von Big Data bestimmt. Dass wir frei entscheiden, ist demnach eine Illusion?

Wir haben innerhalb eines strukturellen Rahmens durchaus eine sehr individuelle Wahl, wir sind auch verantwortlich für das, was wir tun. Aber die Idee der völlig freien, individuellen Entscheidung, die aus sich heraus entsteht, ist eine Illusion. Die Soziologie weiß schon lange: Da wir so unterschiedlich entscheiden, enthält jede Entscheidung eine Information, die in der Anhäufung erstaunlicherweise regelmäßiger ist, als sich das die Entscheider selbst vorstellen können. Das ist durchaus eine Kränkung.

Weil uns klar wird, wie sehr unsere Entscheidungen von Normen bestimmt werden?

Ja. Denn was uns die Digitalisierung vermittelt, ist: Die Autonomie des Einzelnen war immer schon ein Mythos. Sie kennen vielleicht diesen wunderbaren Satz von Margret Thatcher: There is no such thing like society, there are only individuals and families. Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen und Familien. Der kann spätestens jetzt als widerlegt gelten.

Nach dieser Vorstellung gibt es also nur Gesellschaft und keine Privatheit?

Nun, Privatheit und privates Verhalten ist ja selbst ein gesellschaftliches Muster. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir im Prinzip die Unterscheidung von öffentlich und privat nicht mehr treffen können. Wir merken an uns selbst, dass die Dinge beobachtbar sind. Wir reden jetzt gerade miteinander über zwei Handys, das ist natürlich beobachtbar. Und man kann sich der Beobachtbarkeit nicht entziehen. Auch wenn man versucht, sich rauszuhalten und nicht überall Datenspuren zu hinterlassen. Schon das Nichtstun wird registriert.

Die totale Kontrolle also ...

Diese Idee von big brother is watching you, die stimmt. Aber es ist nicht der Big Brother, der die konkrete Person im Auge hat und über falsch und richtig urteilt, sondern einer, der nach Mustern sucht und feststellt, dass er damit am besten regieren kann. Regieren meint, eine gewisse Kontrolle auszuüben. Das bedeutet zum Beispiel zu wissen: Was sind meine Absatzmärkte? Wer könnte mein potenzieller Kunde sein? Wer könnte mein potenzieller Wähler sein? Da kann durchaus ein Big Brother dabei sein, wenn Sie daran denken, wie in China ein digitales Punktesystem für den besseren Bürger entsteht.

         Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.         

Wenn jetzt also Datenfirmen die neuen Kontrolleure der Gesellschaft werden – wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Interessant ist, dass sich mit der Datenverarbeitung so etwas wie eine wissenschaftsähnliche Form der Beobachtung der Gesellschaft etabliert, die zu Erkenntnissen führt. So etwas gab es zuvor eigentlich nur in der theoriegeleiteten Forschung. Oder staatlich, wenn es um Planung und Überwachung geht. Nun greift diese Art der Realitätsverarbeitung auf andere, nichtstaatliche und nichtwissenschaftliche Akteure über.

Sie meinen Datenunternehmen, die ein wirtschaftliches Interesse verfolgen?

Ja. Und damit wird Kontrolle im Sinne von Berechnung und Berechenbarkeit tatsächlich ausgelagert. Letztlich dringen diese Techniken in das ein, was zuvor eher hoheitliche Befugnisse waren. Noch stärker: Es ist eine Konstellation denkbar, in der der Staat aufgrund seiner hoheitlichen Befugnisse weniger über Bürger oder Strukturen wissen darf als ein Unternehmen – das seinen Sitz noch dazu in einem Territorium hat, das nicht dem des kontrollierenden Staates entspricht. Territorialität war einmal ein staatliches Privileg. Das verschwindet.

Weil Daten aus allen Teilen der Welt stammen und miteinander kombiniert werden?

Genau. Denn ich werde bisweilen ja gar nicht als Individualperson gespeichert, sondern als ein Kombinationsmuster. Ich bringe das auf die Formel, dass die Gesellschaft bereits ohne die Digitaltechnik digitalisiert ist. Und deshalb ist die Digitaltechnik die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.

         Die Idee der völlig freien, individuellen Entscheidung, die aus sich heraus entsteht, ist eine Illusion.                  Die Idee der völlig freien, individuellen Entscheidung, die aus sich heraus entsteht, ist eine Illusion.                  Die Idee der völlig freien, individuellen Entscheidung, die aus sich heraus entsteht, ist eine Illusion.                  Die Idee der völlig freien, individuellen Entscheidung, die aus sich heraus entsteht, ist eine Illusion.         

Moment. Das verstehe ich jetzt nicht. Digitalisiert kann eine Gesellschaft doch nur dann sein, wenn es die Technik auch gibt?

Ich würde das techniksoziologisch so formulieren, dass sich immer nur die Technik durchsetzt, die zur Gesellschaft passt. Unsere Vorstellung ist meist: Da ist die Gesellschaft, und dann knallt da irgendeine neue Technik aus Versehen rein und verändert sie. Aber es ist umgekehrt! Hätten die alten Griechen bereits die Technik der Dampfmaschine gehabt, hätten sie damit gar nichts anfangen können. Und dass die Vernetzung von Computern in einer Welt entstanden ist, die geradezu grenzenlos erscheint, ist auch kein Wunder. Das kann man auch daran sehen, dass die Leute, die die Techniken erfinden, oft nicht wissen, was damit gemacht wird.

Zum Beispiel?

IBM ist fast pleitegegangen, weil sie sich überhaupt nicht vorstellen konnten, dass individuelle Haushalte einen Computer brauchen können. Die sind davon ausgegangen, dass der weltweite Bedarf eine Handvoll Großcomputer ausmacht. Mehr nicht. Und heute ist in jedem Toaster ein Rechner.

Interview:Anette Frisch

Armin Nassehi

ist Professor für Soziologie an der Universität München und Herausgeber des Kursbuchs, einer Kulturzeitschrift, die 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet wurde. 2019 erschien sein Buch „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ im C.H. Beck Verlag.

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