Haben wir bald alle frei

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Dr. Sabine Pfeiffer

Automatisierung und Digitalisierung verändern den Arbeitsmarkt gewaltig. Wenn immer mehr Roboter unsere Jobs übernehmen, können wir uns dann genüsslich dem Nichtstun hingeben? So einfach ist das natürlich nicht, sagt die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer.

Einer Studie der OECD zufolge könnten schon heute 30 bis 70 Prozent der Jobs von Computern übernommen werden. In den nächsten 15 bis 20 Jahren sieht die Organisation hierzulande fast jeden fünften Arbeitsplatz bedroht. Ist das realistisch

Sabine Pfeiffer:Ich glaube nicht, dass die heutigen Technologien in absehbarer Zeit in der Lage sein werden, so viel Arbeit zu ersetzen, wie immer hochgerechnet wird. Viele unterschätzen, dass völlig neue Berufe und Tätigkeiten entstehen werden, die wir uns aktuell gar nicht vorstellen können. Hätte mir in den 70er Jahren irgendjemand erklären können, was ein Webdesigner oder eine Suchmaschinen-Optimiererin tut? Ich mache mir nicht so viel Sorgen, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Das wäre auch eine ziemlich unmenschliche Gesellschaft.

Warum? Wäre ein gutes Leben ohne Arbeit nicht möglich, gesichert über ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist der falsche Ansatz, denn dabei bleibt die Verteilungsfrage außen vor. Internationale Konzerne erzielen heute unglaubliche Produktivitätsgewinne, weil ihre Prozesse weitgehend automatisiert sind. Das hat in den vergangenen Jahren auch zu einer starken sozialen Ungleichheit geführt: Immer mehr Geld landet in immer weniger Händen. Und gleichzeitig denkt man über ein wie auch immer geartetes, ausgehandeltes Grundeinkommen nach – im Vergleich zu den Gewinnen ist das letztlich ein Almosen. Es wäre unmenschlich, die Gesellschaft in Almosenempfänger und Superreiche aufzuteilen – ein soziales Miteinander ist da schwer vorstellbar.

Manche sehnen sich doch nach dem sprichwörtlichen Leben in der Hängematte.

Kurzfristig vielleicht. Aber dass wir arbeiten, wurde uns von der Evolution in die Wiege gelegt. Der Mensch hat von Anfang an die Welt bearbeitet. Er hat Stein behauen, Essbares konserviert und Wälder gerodet. Das hat seine Existenz gesichert. Studien belegen, dass wir unheimlich viel aus einem Job ziehen: Anerkennung, Bestätigung und die Erkenntnis, auch schwierige Situationen aus eigener Kraft meistern zu können. Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Qualifikationen begegnen. Und wenn sie nur in der Kantine aneinander vorbeilaufen oder im Co-Working-Space Smalltalk machen.

Mit Blick auf die Digitalisierung – welche Fähigkeiten und Fertigkeiten brauchen wir künftig in unseren Jobs?

In jedem Fall müssen wir in der Lage sein, mit Komplexität umzugehen. Wir haben ja die Hoffnung, dass die Digitalisierung unsere Arbeitswelt überschaubarer macht und planbarer. Bislang muss man aber sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Wir arbeiten in einem sowieso schon sehr komplexen Umfeld, wo vieles sehr volatil ist. Die Innovationszyklen für Produkte werden kürzer. Es kommen immer neue Layer von Digitalisierung oben drauf, das macht die Sache auch teilweise fragiler. Also: Was schon digital ist – zum Beispiel die einzelne CNC-Maschine – wird vernetzt mit immer mehr weiteren Ebenen. Zum Beispiel Robotern oder einer künstlichen Intelligenz für vorausschauende Wartung und ein webbasiertes, weltumspannendes Beschaffungssystem. Ein kleiner, an sich banaler Fehler kann schwerwiegende Folgen haben, mit denen man dann umgehen muss. Lösungsorientiertes Denken wird also noch wichtiger werden.

         Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Qualifikationen begegnen.                  Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Qualifikationen begegnen.                  Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Qualifikationen begegnen.                  Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Qualifikationen begegnen.         

Werden also die einfachen, wenig kreativen Tätigkeiten wie die eines Werkzeugmechanikers eher automatisiert und von KI übernommen?

Nein, das ist zu einfach gedacht. In meiner Forschung sehe ich mir solche Berufe und ihre Abläufe genau an. Zum Beispiel könnte ein Roboter eine defekte Maschine reparieren. Er könnte aber nicht empathisch mit einem Kunden umgehen, der genervt ist, weil die Prozesse nicht funktionieren. Viel interessanter als die Frage, welche Arbeitsplätze wegfallen könnten, finde ich zu überlegen, wie wir künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen. Zum Beispiel in der Pflege. Pflegekräfte müssen ihre Tätigkeit sehr aufwändig dokumentieren. Das frisst Zeit, die sie eigentlich dem Patienten widmen sollten.

Was wünschen sich junge Menschen heute von Arbeit?

Sie suchen nach Sinnhaftigkeit. Allerdings hat das für jede andere junge Generation auch gestimmt. Ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen, und zum Ende meiner Schulzeit hatten wir eine Massen-Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Das war also ein ganz anderer Arbeitsmarkt. Arbeitgeber mussten nicht auf uns hören. Heute ist das anders. Junge Menschen wollen ihren Lebensentwurf mit dem Beruf vereinbaren, und sie wollen mitreden.

Sind das nicht Qualitäten, die wir uns alle wünschen?

Ja. Aber je älter und erfahrener wir werden, desto mehr gewöhnen wir uns vielleicht ab, diese Ansprüche zu stellen. Weil wir schon den einen oder anderen Jobwechsel hinter uns haben und dabei dachten: Okay, mit der Sinnhaftigkeit ist es nicht so weit her, aber das Gehalt ist super – oder umgekehrt.

         Ich mache mir nicht so viel Sorgen, dass uns die Arbeit ausgehen wird.                  Ich mache mir nicht so viel Sorgen, dass uns die Arbeit ausgehen wird.                  Ich mache mir nicht so viel Sorgen, dass uns die Arbeit ausgehen wird.                  Ich mache mir nicht so viel Sorgen, dass uns die Arbeit ausgehen wird.         

Wie treffen denn Ihre Studierenden Ihre Berufsentscheidung?

Tatsächlich erlebe ich bei ihnen seit Jahren einen unglaublichen Druck, gleich nach dem Studium die richtige Entscheidung treffen zu müssen. Sie wollen es richtig machen und einen Job, der alles erfüllt: Sinnhaftigkeit, Vereinbarkeit mit ihrem Lebensentwurf, Spaß und tolle Bezahlung, dann auch noch Status und Ansehen – alles in einem Paket. Ein Riesenanspruch, an dem man fast nur scheitern kann.

Ihre Berufsbiografie sah weniger gradlinig aus.

Ja. Ich habe mit 20 Jahren eine Ausbildung zur Werkzeugmacherin abgeschlossen, damals ein Zukunftsberuf: Computer und Maschine kamen zusammen. Ich schrieb Programme, damit die Maschine automatisch fräst. Ich entwickelte mich weiter, habe zum Beispiel im Service für computergesteuerte 3D-Koordinatenmessmaschinen gearbeitet. Und irgendwann war klar, jetzt will ich noch ein Ingenieursstudium draufsatteln. Parallel zum Beruf habe ich dann mein Fachabitur nachgeholt und angefangen, an der Fachhochschule Produktionstechnik zu studieren.

Und wie sind Sie bei der Soziologie gelandet?

Leider bin ich bei Professoren gelandet, die die technische Entwicklung verschlafen hatten und zum Beispiel DIN-Normen zitierten, die schon lange reformiert waren. Das Studium hätte mir nicht viel gebracht, außer den Titel. Dann habe ich nochmal neu nachgedacht und mich für Soziologie entschieden. Damals habe ich schon beobachtet, dass Firmen häufig sehr teure Technik angeschafft haben wie zum Beispiel CAD-Systeme, mit denen man Konstruktionspläne nicht mehr per Hand, sondern am Computer zeichnen kann. Sie haben aber die Organisation nicht angepasst und ihre Mitarbeiter nicht ausreichend geschult, damit sie die neue Technik auch produktiv nutzen konnten. Ich habe mich gefragt: Warum machen Unternehmen diese Fehler immer wieder? Von der Soziologie habe ich mir Antworten erhofft – und sie auch bekommen.

Mit dieser eher ungewöhnlichen Berufsbiografie – haben Sie einen Rat für Ihre Studierenden?

Ich würde Ihnen empfehlen, ein bisschen gelassener zu sein, stärker in sich reinzuhören und wahrzunehmen: Was kann ich wirklich gut? Welche Talente habe ich? Was macht mir Spaß? Wobei ich finde, dass der Spaß manchmal überbewertet und falsch interpretiert wird. Spaß haben heißt nicht nur, dass einem etwas besonders leichtfällt. Es kann auch extrem befriedigend sein, wenn man sich richtig anstrengen muss, zum Beispiel bis der richtige Algorithmus geschrieben ist.

Interview:Sepideh Honarbacht

Sabine Pfeiffer

ist Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie forscht seit 1996 zur Entwicklung von Gesellschaft und Arbeit. Die 54-Jährige ist unter anderem Mitglied im neu gegründeten Rat der Arbeitswelt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BAMS) sowie Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Beiräten, etwa Plattform Industrie 4.0 und des Weizenbaum Instituts für die vernetzte Gesellschaft.

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