Wie werden wir morgen mobil sein

?Mobilität

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Teuta Demaili

Ich glaube an Flugobjekte.

Michael Dimitrov

Auf das autonome Fahren werden wir noch lange warten müssen.

Ich habe vor fünf Jahren als Studentin bei Porsche angefangen und bin seit 2017 fest angestellt. Während meines Studiums des Ingenieurwesens bin ich gezielt in Richtung Production Management gegangen. Ich komme aus einer Autofamilie. Mein Vater und meine Geschwister arbeiten bei Daimler; als Schülerin habe ich dort auch in den Ferien gearbeitet.

Der Klimawandel ist ein ernsthaftes Problem. Darüber gibt es keine Diskussionen. Und ich persönlich glaube, dass jeder von uns einen Beitrag leisten muss und wir auf jeden Fall von unserem Luxusdenken wegkommen müssen. Daneben müssen auch Städte Verantwortung übernehmen. Den öffentlichen Nahverkehr empfinde ich als nicht fortschrittlich. Ich war vor zwei Wochen in Kopenhagen und megabegeistert von der Infrastruktur. Es gibt fahrerlose Metros, die jede Minute kommen. Man ist nie zu spät. In Stuttgart muss ich immer schauen, wann der nächste Bus kommt, und wenn ich den verpasse, dauert es eine Dreiviertelstunde bis zur nächsten Fahrt. Diese Eingeschränktheit, davon muss man wegkommen.

Ich stelle mir die Mobilität in Zukunft deutlich flexibler vor. Wenn ich nur an die Staus denke! In den meisten Autos sitzt lediglich eine Person, obwohl es Platz für fünf gibt. Immer noch scheint jeder ein Auto besitzen zu wollen, obwohl es auch Carsharing gibt. Für mich muss das Fahrzeug Nutzwert haben, so wie ein Smartphone. Das verwendet man, um schnell Dinge zu klären, zu planen und weiterzukommen. Obwohl ich an diesem tollen neuen Elektrosportwagen Taycan arbeite, muss ich sagen: Für mich persönlich ist das Auto kein Statussymbol, sondern ein Fortbewegungsmittel. Ein Auto ist nichts anderes als ein Teil der Mobilitätskette. Wir müssen eben irgendwie von A nach B kommen.

Ich fände es super, wenn das Fahrzeug der Zukunft flexibel wäre und man es einfach mitnehmen könnte. Ein Batteriefahrzeug vielleicht, das man klein machen und irgendwo abstellen kann, dann wieder auseinanderklappt und weiterfährt. Und ich glaube an Flugprojekte. Porsche und Boeing wollen ja gemeinsam die Zukunft urbaner Flugprojekte untersuchen.

Wenn ich mit Freunden spreche, kommt es natürlich zu Aussagen wie: „Wer kauft sich in zehn, zwanzig Jahren noch einen Porsche? Wer braucht so ein Fahrzeug noch? Was willst du in der Stadt damit?“ Ja, ich denke viel darüber nach, wo es mit der Automobilindustrie hingehen wird. Und ja, ich bin dabei auch nicht immer unkritisch. Ich meine, wir stellen Sportwagen her, die haben Volldampf und sind nicht immer unumstritten. Ich freue mich aber trotzdem, hier zu arbeiten. Wir sind ein tolles Team. Und wir haben ja schon seit 2010 Hybridfahrzeuge, was ein erster Schritt in die richtige Richtung war. Jetzt haben wir auch unser erstes E-Fahrzeug. Das ist zurzeit State of the Art. Weitere E-Sportwagen werden folgen. Und wer weiß, vielleicht reden wir ja in zehn Jahren noch über ganz andere Antriebsarten.

Man sieht ja, wie superschnell sich die Branche durch die Elektromobilität verändert hat. Viele reden immer von Stellenabbau bei uns. Zumindest für Porsche nehme ich das überhaupt nicht so wahr! Für mich ist es eher so, dass die Geschäftsfelder in Bewegung sind. In einer Abteilung kommt man mit weniger Leuten aus, in der anderen braucht man dafür mehr. Deswegen kann ich nicht nachvollziehen, wenn viele sagen, dass die Automobilbranche keine Zukunft hat. Bei uns gibt es sogar einen Personalaufbau. Das finde ich gut, und es ist ein positives Zeichen für die Branche.

Ich arbeite jetzt schon seit 31 Jahren bei Porsche. Das Image der Branche hat sich durch die Dieselthematik sicherlich verändert. Wir stellen bei Porsche zwar keine Dieselmotoren her, trotzdem hatte das Thema Auswirkungen auf unser Geschäft. Der Wechsel in der Antriebstechnologie vom Verbrennungsmotor zur E-Maschine war aber schon lange davor klar.

Wir haben bei Porsche bereits 2008, mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg im Rahmen der Modellregion Stuttgart, Elektrofahrzeuge gebaut, mit denen wir erste Felderfahrungen mit Elektroantrieben gemacht haben. Aus technologischer Sicht hätten wir damals ein Angebot rund um E-Mobilität erzeugen können – aber es gehört mehr dazu. Wir müssen die gesamte Kette betrachten, von der Infrastruktur über die Verbraucherakzeptanz bis hin zu politischen Weichenstellungen. Die Automobilindustrie kann Impulse geben, aber es gehören mehrere Player dazu, wenn es darum geht, eine neue Antriebstechnologie auf dem Markt zu etablieren. Und: Wir sind kein Start-up! Mit einer langjährigen Tradition und mehr als 35.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hast du eine hohe Verantwortung als Arbeitgeber und kannst kein unkalkulierbares Risiko eingehen. Der Weg zur E-Mobilität hat holprig begonnen, stimmt, aber jetzt nimmt das Thema Fahrt auf.

Das, was gemeinhin als Transformation bezeichnet wird, ist ein Oberbegriff für verschiedene Prozesse, die gleichzeitig stattfinden: die Qualifikation der Mitarbeiter, der Umbau und die Änderung von bestehenden Strukturen , die Weiterentwicklung aktueller Technologien – und parallel die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle. Die Kunst dieses gewaltigen Transformationsprozesses ist es, die unterschiedlichen Stränge unter einen Hut zu bekommen. Früher war das Fahrzeug ein Solitär, heute ist es vernetzt und Teil eines Gesamtsystems. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass die Bedeutung der Software und der Updatefähigkeit des Fahrzeugs zunimmt, damit es über die Lebensdauer mit der vernetzten Umgebung, die ständig weiterentwickelt wird, kommunizieren kann und neue Funktionen genutzt werden können.

Der digitale Wandel betrifft nicht nur die Automobilindustrie. Er beeinflusst auch die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte. In Baden-Württemberg haben wir erstklassige Hochschulen und damit eine hohe Kompetenz vor Ort. Wir müssen das nur richtig nutzen. Dann haben wir gute Chancen, die Transformation unserer Branche erfolgreich zu meistern.

Was die Zukunft der Mobilität angeht: Das autonome Fahren, so wie wir uns das landläufig vorstellen, darauf werden wir noch lange warten müssen. Sicherlich wird es klar definierte Areale geben, wo sich solche Fahrzeuge bewegen könnten, zum Beispiel in der Innenstadt oder rund um den Flughafen. Ich glaube aber auch, dass die individuelle Mobilität auf absehbare Zeit der Wunsch der Menschen bleiben wird. Sie werden auch in 20 Jahren einen eigenen Pkw besitzen. Es gibt Länder, deren Mobilität noch ohne Auto funktioniert. Und die haben Nachholbedarf.

Meine Frau und ich haben jeweils ein Auto. Ich habe aber gar kein Problem damit, intermodal unterwegs zu sein und verschiedene Verkehrsmittel zu nutzen. Für mich ist Autofahren mit einer ganz nüchternen Frage verbunden: Wo muss ich hin? Und wenn ich in der Stadt bin, ist das Auto nicht immer die beste Variante.

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Teuta Demaili

ist Prozessplanerin in der Produktion des E-Fahrzeugs Taycan der Porsche AG. Sie hat Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Produktionsmanagement an der ESB Business School in Reutlingen studiert. Die 26-Jährige stammt aus einer Autofamilie: Ihr Vater und ihre beiden Geschwister arbeiten bei der Daimler AG in Stuttgart.

Michael Dimitrov

ist Ingenieur und arbeitet seit 31 Jahren bei Porsche. Derzeit ist der 59-Jährige in der Forschung und Entwicklung im Entwicklungszentrum Weissach tätig.

Protokoll:Anette Frisch

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