Sollten wir mehr quer und weniger geradeaus denken

?Toleranz

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Matto Barfuss

Was schleicht da durchs hohe Gras? Ein Tier? Vielleicht sogar ein Löwe? Ein Fauchen ist zu hören. Aber dann taucht kein Gepard auf, sondern: Matto Barfuss. Auf allen Vieren schleicht er im Dokumentarfilm Der Gepardenmann wie eine Wildkatze durch die afrikanische Savanne. Der Künstler und Filmemacher verbringt die Hälfte des Jahres in Afrika. Dort drehte er über vier Jahre einen Film über eine Gepardin, lernte ihre Sprache, passte auf ihre Jungen auf und lebte mit ihnen. Wir sprachen mit Matto Barfuss über das, was ihn antreibt, ob Deutschland mehr Querdenker braucht und warum nur Begeisterung Menschen dazu bewegt, ihr Verhalten zu ändern.

Sie heißen eigentlich Matthias Huber.
Woher kommt Ihr Künstlername?

Matto Barfuss:Ich habe 1989 die Alpen barfuß überquert. Die Zerstörung meiner Füße war ein großes Performance-Kunstwerk. Von Garmisch-Partenkirchen ging es über Innsbruck bis Meran. Barfuss bezieht sich auf diese Aktion. Matto ist von meinem Vornamen abgeleitet und heißt einfach im Italienischen „verrückt“.

Klingt auch verrückt.
Warum haben Sie sich diese Strapaze angetan?

Das war eine Performance, um auf die Zerstörung der Natur aufmerksam zu machen. Ich glaube daran, dass man mit Kunst die Welt verändern kann. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, ich reagiere unmittelbar auf Dinge, die nicht gut laufen. Und ich habe das Bedürfnis, etwas zu bewegen.

Wenn man die Erosion der Alpen betrachtet, scheint sich die Situation seit Ihrer Wanderung verschlimmert zu haben.

Ich habe damals geglaubt, dass ich mit der Aktion sehr viel erreichen kann. Es ist aber so, dass Hysterie kein Weg ist. Mit den Bildern meiner blutigen Füße konnte ich die Menschen zwar kurzzeitig wachrütteln, sie aber nicht wirklich zum Handeln bewegen. Man geht am besten über eine Treppe nach oben und nicht mit einem riesigen Sprung.

Denken Sie, man muss ein wenig verrückt sein, um Dinge zu verändern?

Ja, deshalb bin ich Künstler. In der Kunst verrückt man auch etwas, stellt es in ein anderes Licht. Da sieht man das Problem aus einem anderen Blickwinkel und erkennt plötzlich einen völlig neuen Aspekt. Das bedeutet für mich querdenken. Diese Art, die Dinge zu betrachten, ist für mich der einzige Weg, Probleme lindern oder lösen zu können.

1989 waren es die Alpen, heute verbringen Sie viel Zeit in Afrika. Warum?

Ich lebe die Hälfte des Jahres in Afrika, davon einen Großteil in Botswana. Afrika war ein großer Kindheitstraum für mich, seit 26 Jahren fahre ich dorthin. Aber ich wollte nicht nur Geschichten von Afrika erzählen. Ich wollte auch etwas bewegen. Darum habe ich zwei Stiftungen gegründet, „Leben für Geparden“ und „Go wild Botswana Trust“.

         Wir leben in einem sehr komplexen System. Das engt uns ein.                  Wir leben in einem sehr komplexen System. Das engt uns ein.                  Wir leben in einem sehr komplexen System. Das engt uns ein.                  Wir leben in einem sehr komplexen System. Das engt uns ein.         

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Wir haben mit den zuständigen Ministerien Wildlife-Bildungsprogramme entwickelt und umgesetzt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, einen Lebensraum für Menschen und Tiere in der Kalahari zu schaffen. Wir haben ein Schulbuch entwickelt, um Kindern Artenschutz zu vermitteln, besuchen Schulen und helfen Farmern, ihr Vieh vor Raubkatzen zu schützen.

Warum ausgerechnet Botswana? Auch bei uns könnten Sie sich engagieren und etwas bewegen.

Für mich ist das Engagement in Botswana ein Geben und Nehmen. In Deutschland sagt die Gesellschaft: Wir haben ein Problem. Die Politik ist gefordert. Nur: So geht das nicht. Gerade beim Umweltschutz wollen die Menschen immer sofort Lösungen, obwohl eigentlich der Weg das Ziel ist. Das frustriert mich, wenn ich Dinge nicht voranbringen kann. In Botswana bin ich auf ein Land in Afrika gestoßen, das überaus demokratisch ist. Ich habe das Gefühl, es ergibt richtig Sinn, sich dort für Artenschutz zu engagieren.

Scheitert Engagement in Deutschland also an Engstirnigkeit?

Auch. In Afrika werden die Menschen oft von jetzt auf gleich mit etwas völlig Neuem konfrontiert, beispielsweise wenn es um technische Innovationen geht. Sie sind extrem motiviert. Wenn wir Deutschen dagegen etwas Neues beginnen wollen, haben wir oft das Gefühl, dass hundert Gründe dagegensprechen. Wir leben in einem sehr komplexen System. Das engt uns ein. Darum gehen wir dann lieber nur langsam voran. Oder gar nicht.

Frustriert es Sie, wenn Probleme nicht gelöst werden?

Sicher. Themen wie beispielsweise der Umweltschutz gehen mir sehr ans Herz. Das ist manchmal ganz schön belastend. Viele meiner Künstlerkollegen sagen, es reiche, wenn ein Künstler etwas anprangert, aber er müsse keine Lösungen anbieten. Ich finde es unfair, nicht an der Problemlösung mitzuwirken. Ich will mitgestalten. In Deutschland sind mir da oft die Hände gebunden. Es gibt möglicherweise Vorschriften. Oder es finden sich nicht die entsprechenden Leute, die mitmachen. In Botswana habe ich sehr nachvollziehbare Probleme zu bewältigen. Die Komplexität ist bei weitem nicht so hoch. Das mag ich.

Bedenkenträger sind meist Erwachsene. Sollten wir vielleicht eher bei Kindern ansetzen?

Das ist genau der Schlüssel. Unsere Stiftung setzt bei Kindern an. Erinnern Sie sich an die 70er? Ich habe zu meinen Eltern gesagt: Fahrt langsamer, lasst das Auto mal stehen! Genau diese Prozesse erleben wir in Afrika. Wir müssen Kindern mehr zutrauen, ihnen mehr Freiräume geben. Dann entdecken und entwickeln sie ihre Stärken.

         Ich rate Kindern, von dem zu träumen, was sie tun wollen.                  Ich rate Kindern, von dem zu träumen, was sie tun wollen.                  Ich rate Kindern, von dem zu träumen, was sie tun wollen.                  Ich rate Kindern, von dem zu träumen, was sie tun wollen.         

Sie wirken wie jemand, der seine Stärken kennt. Hatten Sie Lehrer, die Sie inspirierten?

Ganz ehrlich: nein. Aber ich hatte eine sehr afrikanische Kindheit. Bin jeden Morgen zweieinhalb Kilometer in die Schule gelaufen und zurück. Meine Eltern hatten keine Zeit für mich. Das hat mir viele Freiräume gegeben. Meine Welt habe ich mir als Tagträumer erträumt. Das war eine große Motivation. Heute tue ich viele Dinge, die ich mir als Kind erträumt habe.

Träumen Kinder heute zu wenig?

Eher ihre Eltern. Wenn sie beispielsweise mit ihren Kindern in meine Multivisionsshows über Afrika und die Tiere dort kommen, haben sie häufig klare Vorstellungen davon, was aus ihren Kindern mal werden soll. Die Kinder sagen mir dann im Gespräch aber: „Ich möchte eigentlich das machen, was du machst.“

Ermutigen Sie die Kinder dann?

Ja. Ich rate ihnen, von dem zu träumen, was sie tun wollen. Dann entsteht ein Bild in ihren Köpfen, und es wird in irgendeiner Form passieren.

Also weniger Lehrplan, mehr Querdenken?

In Deutschland sind wir sehr stark auf Wissen aus. Ich sage es mal ein bisschen bösartig: Wir versuchen, Kinder mit Wissen zu programmieren. Aber soziale Kompetenz, Kreativität, Projekte anpacken – das bleibt auf der Strecke. Für mich gibt es allerdings keinen anderen Weg. Ich glaube, dass bei Problemen, die Umwelt- oder Artenschutz betreffen, Querdenken der einzige Weg ist, sie in den Griff zu bekommen.

Wenn – zumindest für einen Moment – alle Probleme gelöst sind, welchen Luxus gönnen Sie sich dann?

In der Kalahari unterwegs zu sein. Vier Wochen keinen einzigen Menschen sehen. Nur Löwen um mich herum. Da kann ich mich völlig erden. Das ist für mich Luxus.

Interview:Jörg Bredendieck

Matto Barfuss

Jahrgang 1970, gewann bereits als Jugendlicher Kunstpreise und führt heute eine Galerie in Rheinau-Freistett. Der gebürtige Sinsheimer ist UN-Dekaden-Botschafter für biologische Vielfalt. Sein Dokumentarfilm „Maleika“ über eine Gepardenfamilie erschien 2017 in den Kinos. Wäre Barfuss Lehrer in Baden-Württemberg geworden, hätte er für sein Engagement vielleicht den Lehrerpreis gewonnen. Damit zeichnet die Stiftung Lehrkräfte für ungewöhnliche Unterrichtsmethoden aus, die Kinder und Jugendliche inspirieren und zum Querdenken anregen.

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