Brauchen wir mehr Fakten oder Fantasie

?mehr-fakten-oder-mehr-fantasie

01

Vanesa Nikolova & Christoph Dahl

Vanesa Nikolova und Christoph Dahl trafen sich Anfang des Jahres im Siebenmühlental nahe Leinfelden-Echterdingen. Mehr als 40 Jahre trennen den Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung und die Studentin. In der über 600 Jahre alten Gaststätte „Eselsmühle“ sprachen die beiden über das, was ihre Generationen verbindet.

Kopf oder Herz: Worauf vertrauen Sie persönlich bei Entscheidungen?

C.D.Beides gehört zusammen. Sich rein von Emotionen leiten zu lassen, halte ich für schwierig, ja gefährlich. Andererseits kann zu viel Skepsis, Misstrauen und die Angst vor Fehlern Kreativität hemmen. Zu Entscheidungen gehört oft Mut. Aber es ist auch wichtig zu bedenken, dass wir uns irren können. Gerade wenn es um Menschen geht. Ich kannte zuvor nur Ihren Lebenslauf, Frau Nikolova, und war, um ehrlich zu sein, ein wenig eingeschüchtert aufgrund Ihrer Erfolge. Sie sind gleich nach dem Studium nach London gegangen, haben einen Job gefunden und leben nun dort. Ich beneide Sie um Ihre Erfahrungen. Ich war zum Beispiel nie lange im Ausland.

V.N.Nun, meine Sehnsucht nach der Ferne liegt vielleicht auch daran, dass ich sehr behütet aufgewachsen bin. Bitte nicht falsch verstehen, meine Eltern haben mich sehr liebevoll erzogen. Aber ich wollte raus aus meiner Komfortzone, allein zurechtkommen. Meine Entscheidung, nach London zu gehen, war intuitiv. Ich wusste nicht, wohin mich die Reise bringt. Ich habe damals einfach gespürt, dass das der richtige Weg ist. Ich habe dann schnell einen Job bei Tesla gefunden und an der Abenduniversität meinen Master gemacht.

C.D.Das schätze ich an Ihrer Generation, dieses Selbstvertrauen. Ich glaube, Ihr Wagemut ist etwas, was uns voranbringt.

V.N.Ja, ich finde auch, dass Risikobereitschaft wichtig ist für die persönliche Entwicklung. Auch wenn wir das in Deutschland oft nicht akzeptieren: Versagen und Scheitern gehören zum Leben.

Was bedeutet für Sie Fantasie?

V.N.Kreativität, eine lebendige Vorstellungskraft, Ideenreichtum. Einige meiner Freundinnen und Freunde nennen mich manchmal Tagträumerin, weil ich mir gern das Unmögliche vorstelle. Ob das immer positiv gemeint ist, das weiß ich nicht. Für mich gehört Spinnerei dazu – obwohl ich ein sehr zielstrebiger Mensch bin und meine Karriere ehrgeizig verfolge, träume ich noch davon, wieder auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen. Musik ist meine Leidenschaft. Mit ihr kann ich mich ausdrücken.

C.D.Für mich bedeutet Fantasie, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, in andere Situationen und, ja, sogar in andere Welten. Träumen und Querdenken zu können, das hat für mich auch mit Fantasie zu tun. In einer Zeit des tiefgreifenden Wandels brauchen wir unbedingt mehr Fakten und mehr Fantasie. Wir müssen uns Dinge vorstellen, die es noch nicht gibt, Innovationen, die uns dabei helfen, Lösungen zu finden für die Probleme unserer Zeit.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welches sind für Sie die drei entscheidenden Herausforderungen?

V.N.Ganz klar, der Klimawandel. Gerade mit Blick auf die Brände in Australien. Um die Menschen wachzurütteln, braucht es harte Fakten. Welche Bedingungen beeinflussen das Klima, um wie viel Grad steigt die Temperatur mit welchen konkreten Auswirkungen? Ich denke ständig darüber nach, was ich tun kann oder wie ich andere motiviere, aktiv zu werden.

C.D.Ich stimme Ihnen zu. Jeder muss sein Verhalten reflektieren. Mir ist in dieser Debatte aber zu viel Aufregung und Panik. Damit kann ich nicht viel anfangen. Oft fallen gerade wir Deutschen von einem Extrem ins andere: Die einen sehen nur die Katastrophe, übersehen dabei Lösungen und Wege. Die anderen sind absolute Optimisten, die alles einfach für machbar halten. Doch damit wächst die Gefahr der Spaltung unserer Gesellschaft. Wir müssen Maß und Mitte finden – und brauchen gerade bei diesem Thema mehr Vernunft und Verstand. Verbote bringen nichts. Wir müssen die Menschen mitnehmen und Anreize setzen, statt nur die Grenzen enger zu ziehen: egal, ob es um Vielfliegerei geht, SUVs oder Fleischkonsum. Darauf möchte ich zum Beispiel nicht verzichten. Dafür esse ich als Jäger keine Tiere aus der Massenindustrie.

V.N.Ja, ich glaube auch nicht, dass Einschränkungen die richtige Motivation sind. Keiner kann darauf hoffen und warten, dass andere beginnen. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Zum Beispiel nicht jeden Tag allein im Auto zur Arbeit fahren, die Bahn nehmen, Flüge einschränken …

C.D.Das stimmt. Aber es sind auch politische Entscheidungen und Maßnahmen notwendig, vor allem auch technische Innovationen, um die Probleme richtig anzupacken. Nehmen wir das Beispiel der Automobilindustrie: Viele Unternehmen haben lange Zeit vor allem auf bewährte Antriebsformen gesetzt und sich auf hohe Renditen konzentriert. Nach dem Motto: Wir wollen heute gute Gewinne, egal, was in zehn Jahren ist. Jetzt zeigt sich, dass man zu kurzfristig gedacht hat. Alternative und nachhaltigere Technologien wie Wasserstoff wurden darum zu wenig weiterverfolgt.

V.N.Das, was sie mit Gewinnorientierung ansprechen, finde ich interessant. Denn für mich bestimmt die Frage die Zukunft: Warum geht es uns so gut und anderen auf dieser Welt so schlecht? Und vor allem: Was können wir dagegen tun? Gerade mit Blick auf die Ernährung der wachsenden Bevölkerung. Ich glaube, wir müssen umdenken: hin zu einer bewussten, ressourcenschonenden und gesunden Ernährung. Auch das Thema ist für mich eng verknüpft mit der globalen Klimadebatte.

C.D.Ein weiteres Zukunftsthema ist für mich die Digitalisierung. Egal, ob es um Roboter im Operationssaal oder selbstfahrende Autos auf den Straßen geht. Unsere Berufs- und Lebenswelt wird sich in den kommenden Jahren massiv verändern.

         Wir müssen mit viel Neugierde in die Welt blicken, wertvolle Erfahrungen einbinden und Neues aufnehmen. Das würde ich mir wünschen.                  Wir müssen mit viel Neugierde in die Welt blicken, wertvolle Erfahrungen einbinden und Neues aufnehmen. Das würde ich mir wünschen.                  Wir müssen mit viel Neugierde in die Welt blicken, wertvolle Erfahrungen einbinden und Neues aufnehmen. Das würde ich mir wünschen.                  Wir müssen mit viel Neugierde in die Welt blicken, wertvolle Erfahrungen einbinden und Neues aufnehmen. Das würde ich mir wünschen.         

V.N.In meiner Generation heißt es oft: Wer jetzt erst anfängt, über Digitalisierung zu reden, ist fast zu spät. Digitalisierung ist schon selbstverständlicher Teil meines Alltags. Was mich beschäftigt, ist das Thema künstliche Intelligenz. Wie wird sie unser Leben verändern und wie wird unsere Rolle dabei aussehen? Welches Bewusstsein können Roboter entwickeln?

C.D.Ich finde, die Politik muss hier kluge Regeln aufstellen. Künstliche Intelligenz darf nicht menschenfeindlich sein. Aus diesem Grund haben wir als Stiftung zu diesem wichtigen Thema ein Forschungsprogramm zum Thema Ethik und künstliche Intelligenz auf den Weg gebracht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Natur- und Geisteswissenschaften entwickeln dabei gemeinsam konkrete Handlungsempfehlungen für einen verantwortungsvollen und sozialverträglichen Einsatz von KI-Technologien. Es bleibt jedoch gewiss immer ein Abwägen, verbunden mit schwierigen Entscheidungen, wo wir KI einsetzen und wo nicht.

V.N.Ja, stimmt. Obwohl ich die Vorteile sehe, bleibt mir ein mulmiges Gefühl. Vielleicht auch, weil ich mich selbst mit der Technik, mit Programmieren etwa, nicht so gut auskenne. Mich schrecken Horrorszenarien ab, wie wir sie zum Beispiel aus Science-Fiction-Filmen kennen. Ich hoffe auch, dass hier mit Vorsicht und Bedacht vorgegangen wird, seitens der Politik, der Wissenschaft, der Verbraucher. Die Frage ist ohnehin, wie Technologie künftig unser Leben bestimmen wird. Vereinsamen wir, wenn wir irgendwann alle nur noch am Smartphone hängen?

C.D.Das wird ein Riesenthema! In Ihrer Wahlheimat England gibt es ja sogar ein Einsamkeitsministerium. Ich bin froh, dass wir in Deutschland so aktiv das Ehrenamt pflegen.

V.N.Das halte ich für enorm wichtig, persönliches Engagement, über den Job hinaus. Und ich muss sagen, dass mir Ihr Programm Talent im Land sehr geholfen hat, beruflich voranzukommen und andere zu unterstützen. Mittlerweile ist auch meine zehn Jahre jüngere Schwester bei Talent im Land dabei, quasi die nächste Generation.

Wie würden Sie Ihre Generation beschreiben?

V.N.Wir sind eine Generation, die daran glaubt, die Welt verändern und mitgestalten zu können, wenn wir selbst aktiv werden. Es ist eine sehr interessierte Generation. Und eine, die sich tiefgreifend informiert, Infos abgleicht und Quellen prüft. Obwohl ich Instagram und Co. nutze, sehe ich regelmäßig die Nachrichten im Fernsehen und lese die Tageszeitung.

C.D.Zeitung? Das ist eher untypisch für Ihre Altersgruppe. Ich schätze Zeitungen auch, weil Redaktionen Informationen filtern. Heute schwirren in den sozialen Medien viele ganz unterschiedliche Inhalte herum. Jeder kann zum Sprachrohr werden. Das bringt viele Schwierigkeiten mit sich, aber auch viele Chancen – ich finde es gut, dass Ihre Generation damit viel selbstverständlicher umgehen kann.

V.N.Aber können wir das wirklich? Ich sehe die sozialen Medien kritisch. Ich weiß, dass viele Inhalte bezahlt sind, dass unglaublich viel manipuliert wird. Viele meiner Altersgenossen haben das Glück und Privileg, eine gute Bildung genossen zu haben, Situationen analysieren zu können. Es gibt aber genauso diejenigen, die sich leicht blenden lassen von Videos oder Texten, unabhängig davon, zu welcher Generation sie gehören. Vor allem junge Menschen flüchten sich aus der Realität in Netflix-Serien oder träumen sich in das Leben reicher Influencer. Sie verlieren sich, statt aktiv zu werden.

C.D.Dann wird es Sie vielleicht freuen, dass heute mehr Bücher gelesen werden als je zuvor. Ich bin ein absoluter Buchmensch. Lesen bedeutet für mich Wissen. Und deshalb halte ich auch zunächst die Lesefähigkeit und dann die Medienkompetenz für Schlüsselqualifikationen unserer Gesellschaft. Sie sind entscheidend für die politische Willensbildung und demokratische Teilhabe. Die Erfahrung der deutschen Teilung und die Bedrohung des Ost-West-Konflikts haben meine Generation stark geprägt. Sie haben uns vor Augen geführt, dass Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung immer wieder erkämpft werden müssen. Für mich ist Ihre Generation aufgeklärt, aktiv, bereit zur Veränderung. Mich beeindruckt das Engagement vieler junger Menschen.

         Wir Menschen als Teil einer Gesellschaft müssen lernen, aufeinander zu hören und uns auf Sichtweisen anderer einzulassen, auch wir Älteren auf die Jüngeren.                  Wir Menschen als Teil einer Gesellschaft müssen lernen, aufeinander zu hören und uns auf Sichtweisen anderer einzulassen, auch wir Älteren auf die Jüngeren.                  Wir Menschen als Teil einer Gesellschaft müssen lernen, aufeinander zu hören und uns auf Sichtweisen anderer einzulassen, auch wir Älteren auf die Jüngeren.                  Wir Menschen als Teil einer Gesellschaft müssen lernen, aufeinander zu hören und uns auf Sichtweisen anderer einzulassen, auch wir Älteren auf die Jüngeren.         

Welche Botschaft würden Sie der anderen Generation gern mit auf den Weg geben?

C.D.Auch wenn es viele nicht mehr hören können: Wir brauchen Mut und eine klare Haltung gegenüber den Feinden der Demokratie. Unser Rechtsstaat und unsere offene Gesellschaft sind keine Selbstverständlichkeiten und erfordern den persönlichen Einsatz von jedem und jeder. Das sollten wir nie vergessen. Außerdem müssen wir Europa weiter stärken, um auch in Zukunft in Frieden und Freiheit leben zu können.

V.N.Offenheit für Neues. Mit meinem Vater diskutiere ich etwa immer wieder über die veraltete Ernährungspyramide, die heute überholt ist. Wir können immer dazu lernen. Egal, in welchem Alter. Ich wünsche mir dafür ein stärkeres Bewusstsein – von den Älteren und den Jungen gleichermaßen.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

V.N.Ich bin kommunikativ. Ich habe gern eine Stimme, möchte eigene Ideen weitergeben. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist enorm hoch, durch die Digitalisierung, die vernetzte Welt. Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur Formeln und Vokabeln lernen, sondern ein Gefühl dafür entwickeln, unsere Umwelt bewusster wahrzunehmen, kritisch zu betrachten und einzuordnen.

C.D.Ich glaube an die jungen klugen Köpfe, die wir in dieser Gesellschaft haben, an das große Potenzial. Als Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung habe ich das Glück, Zukunftsthemen aktiv mitgestalten zu können. Jeder Einzelne kann etwas verändern, und dieses Bewusstsein müssen wir stärken. Wir Menschen sind immer Teil einer Gesellschaft und müssen lernen, aufeinander zu hören und uns auf Sichtweisen anderer einzulassen, auch wir Älteren auf die Jüngeren.

V.N.Offenheit ist keine Frage des Alters. Wichtig ist, bereit für Veränderungen zu sein, dass wir uns gegenseitig ernst nehmen und voneinander lernen. Wir müssen weg von hierarchischem Denken und hin zum Blick auf Kompetenzen. Wir müssen mit viel Neugierde in die Welt blicken, wertvolle Erfahrungen einbinden und Neues aufnehmen. Das würde ich mir wünschen.

Interview:Isabel Stettin

Christoph Dahl

ist seit 2010 Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. Der 66-Jährige ist Vater von fünf Kindern. Er arbeitete nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen als leitender Redakteur einer Tageszeitung und wechselte danach als Pressesprecher ins Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Von 1991 bis 2005 war Christoph Dahl Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und anschließend Sprecher der baden-württembergischen Landesregierung.

Vanesa Nikolova

war von 2010 bis 2013 Stipendiatin im Programm Talent im Land der Baden-Württemberg Stiftung. Ihren Master in „Global Politics“ hat die 25-jährige Esslingerin am Birkbeck College in London gemacht, wo sie seit 2016 lebt und arbeitet.

Diesen Beitrag teilen

Alle Fragen anzeigen
Magazinbestellung