Werden wir den Krebs jemals besiegen

?Medizin

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Prof. Dr. Andreas Trumpp

Heidelberg gehört zu den weltweit führenden Standorten in der Krebsforschung. Der Wissenschaftler Andreas Trumpp kämpft hier gegen die bestimmende Krankheit der Moderne. Seine Entdeckungen ermöglichen neue Ansätze für Therapien.

Sie haben gar nicht Medizin studiert. Als Sie sich für Biologie entschieden, wollten Sie da Naturforscher werden?

Andreas Trumpp:Nein, ich hatte einfach keinen Studienplatz in Medizin ergattert. Also studierte ich Biologie eher aus Verlegenheit. Damals war das aber richtig klassische Biologie. Und das fand ich persönlich total langweilig. Im zweiten Semester habe ich einfach die Vorlesungen für höhere Semester besucht. Da wurde bereits über die aufkeimende Molekularbiologie gesprochen, und ich habe das erste Mal etwas über Gene und Retroviren gehört, die auch Krebs verursachen. Das hat mich sofort gefesselt, und ich habe mich auf dieses Feld spezialisiert.

Die Diagnose Krebs gehört noch immer zu den Schockdiagnosen schlechthin. Als Krebsforscher kennen Sie den Stand der Wissenschaft: Ist die Angst vor der Krankheit heute noch berechtigt?

In Zukunft werden sich Krebspatienten deutlich weniger Sorgen machen müssen. Ich sage das als Optimist. Die Wissenschaft macht große Fortschritte. Wir haben in den vergangenen Jahren für immer mehr wichtige Krebsarten eine gute Behandlung entwickelt. Eines der Hauptprobleme ist, dass dabei oft nicht komplett alle Tumorzellen abgetötet werden. Die Krebszellen, die überleben, sind oft die sehr gefährlichen Krebsstammzellen. Das sind die Zellen, die irgendwann streuen.

Wenn der Krebs wiederkommt, dann ist er oft tödlich?

Ja, diese überlebenden Krebszellen sind resistent gegen die Behandlung und damit hochgefährlich. Wenn ein Tumor wächst, dann kann er Krebsstammzellen über das Blutsystem in andere Organe streuen und Metastasen bilden. Rund 90 Prozent der Patienten sterben an der Wiederkehr des Tumors und an Metastasen. Das zu verhindern, ist für mich die größte Herausforderung der nächsten zehn Jahre. Wir untersuchen, warum die Krebsstammzellen die Therapien überleben. Um mit diesem Wissen, die Krebstherapien mit dem Ziel zu verbessern, auch die letzte Krebszelle im Körper zu eliminieren

Müssen wir dem Krebs aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts seinen Schrecken nehmen – oder gehen die Menschen dann nicht mehr zur Vorsorge?

Wenn die Menschen so reagieren würden, wäre das schlecht. Die Früherkennung von Tumoren bleibt unerlässlich, weil Verhindern immer besser ist als Heilen. Je später wir einen Tumor entdecken, desto kleiner sind die Möglichkeiten, ihn noch erfolgreich zu behandeln. Das war früher so und gilt heute immer noch. Das ist auch eine Sache des Kopfes: Krebs ist psychologisch immer noch eine der schwerwiegendsten Erkrankungen.

         Wir brauchen unbedingt hochgesteckte, vielleicht auch verwegene Ziele.                  Wir brauchen unbedingt hochgesteckte, vielleicht auch verwegene Ziele.                  Wir brauchen unbedingt hochgesteckte, vielleicht auch verwegene Ziele.                  Wir brauchen unbedingt hochgesteckte, vielleicht auch verwegene Ziele.         

Die Therapien werden immer besser, trotzdem erkranken immer mehr Menschen. Woher kommt das?

Der wichtigste Faktor für Krebs ist das Alter. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt und damit das Alter unserer Zellen. Unsere Körper ändern sich während des gesamten Lebens, von der ersten befruchteten Zelle bis zum Greis. Mit jeder Veränderung geht das Risiko einher, dass unsere Gene Schaden nehmen. Das passiert zum Teil vollkommen zufällig, zum Teil ausgelöst durch Schadstoffe in unserer Umwelt. Dazu gehören zum Beispiel das UV-Licht der Sonne oder die Giftstoffe im Zigarettenrauch. Wenn sich die Schäden in der Zelle häufen, entsteht oft eine Krebserkrankung. Durch die Alterung unserer Gesellschaft rechnen wir in Deutschland auch in den kommenden Jahren mit steigenden Fallzahlen.

Erfolgreiche Forschung wird stets auch von Misserfolgen begleitet. Wie sehen Sie das?

Absolut richtig! Ohne Scheitern gibt es keinen Fortschritt. Das gehört einfach dazu. Wenn man selbst Experimente macht, lebt man oft von einem Versuch zum nächsten. Das kann großartig sein. Aber auch sehr ernüchternd. Dann gibt es Ergebnisse, die plötzlich neue Türen öffnen. Solche Erfolgserlebnisse tragen einen durch das nächste Jahr. Manchmal braucht es aber auch einen zweiten Blick. Vielleicht sieht eine andere Forscherin oder ein Forscher etwas Ungewöhnliches in den eigenen Ergebnissen. Denn es sind vor allem die unerwarteten Ergebnisse, die am Ende interessant sind und Neues hervorbringen.

Haben Sie ein Beispiel für solch eine Entdeckung?

Eine Doktorandin hatte einen Versuch als komplett gescheitert interpretiert. Wir haben dann genau geschaut, was passiert war: Alle Mäuse, auch die Kontrollgruppe, hatten den Botenstoff Interferon bekommen, das auch als Medikament verwendet wird. Es sollte ein bestimmtes Gen nur in der experimentellen Gruppe blockieren, der Effekt war aber auch in der Kontrollgruppe zu sehen. Wir haben festgestellt, dass das Interferon nicht nur das eine Gen, sondern viel wichtiger, auch schlafende Stammzellen aufweckt.

Das war Ihnen neu?

Ja, wir konnten zeigen, dass normale Blutstammzellen aber auch Blutkrebsstammzellen im Knochenmark der Mäuse, zumindest zeitweise, in einer Art Winterschlaf verharren. Und sie sich dadurch dem Einfluss der Chemotherapie entziehen, die nur bei proliferierenden Zellen [Anm. d. Red.: Zellen, die sich unbegrenzt teilen] wirkt. Aber auch neuere Medikamente haben keinen Effekt bei den Tiefschläfern, da der gesamte Metabolismus dieser Zellen auf nahe Null heruntergedreht ist. Die Gabe von Interferon ist also eine Möglichkeit, Krebsstammzellen aufzuwecken. Dadurch kann man die aktivierten Krebsstammzellen für bestimmte Medikamente empfindlich machen, die nur bei Krebszellen wirken, nicht aber bei normalen Stammzellen.

         In Zukunft werden die Krebstherapien schonender und präzise auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein.                  In Zukunft werden die Krebstherapien schonender und präzise auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein.                  In Zukunft werden die Krebstherapien schonender und präzise auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein.                  In Zukunft werden die Krebstherapien schonender und präzise auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein.         

Wieso schlafen sie eigentlich?

Um sich vor Schädigung zu schützen. Stammzellen werden nur geweckt, wenn sie unbedingt gebraucht werden. Also zum Beispiel nach einer Gewebeschädigung, wenn wir stark bluten, oder nach einer Chemotherapie. Die meisten reifen Zellen in unseren Körpern leben nur relativ kurz. Jeden Tag sterben über eine Milliarde Zellen ab. Die Hautzellen unseres Gesichts etwa erneuern sich alle vier Wochen vollständig. Die Zellen müssen also immer wieder neu gebildet werden. Das ist der Job von wenigen Stammzellen. Wenn Stammzellen im Laufe des Lebens durch genetische Veränderungen geschädigt werden, wird es gefährlich. Denn sie geben diese Veränderungen an alle Tochterzellen lebenslang weiter. Wenn dann eine oder mehrere dieser Tochterzellen weitere Mutationen erfahren, kann Krebs entstehen. Der Schlafzustand schützt die Stammzellen vor genetischen Veränderungen. Ohne ihn wären Krebserkrankungen viel häufiger.

Das heißt, auch die Stammzellen eines Tumors können schlafen?

Ja. Wenn sie Jahre nach der Therapie wieder aufwachen, können Krebsstammzellen den Tumor wiederkehren lassen oder in einem neuen Organ Metastasen bilden. Brustkrebs ist dafür ein typisches Beispiel. Nach der Therapie sieht alles gut aus. Der Tumor wird entfernt, alles scheint wieder normal zu sein. Und trotzdem kommt bei manchen Patientinnen nach bisweilen mehr als zehn Jahren der gleiche Tumor zurück.

Werden sich in Zukunft die Behandlungsmethoden ändern?

Ja. In Zukunft werden die Krebstherapien schonender und präzise auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein. Krebs ist ja ein Begriff für eine Vielzahl von Erkrankungen. Schon heute analysieren wir das Erbgut des Tumors der Patienten. Wir möchten herausfinden, welche moderne Therapiemöglichkeit gegen jeden individuellen Krebs helfen könnte.

Zu einer erfolgreichen Forschung gehört auch forschungspolitischer Wille. Ist der in Deutschland ausreichend da?

Der Wille ist da. Deutschland hat die Nationale Dekade gegen Krebs ausgerufen. Das ist ein wichtiger zusätzlicher Schritt, um die Krebsforschung hierzulande weiter zu fördern. Ich hoffe, es folgen noch viele solcher Initiativen. Den weltweit führenden Instituten in den USA steht ein deutlich größeres Forschungsbudget zur Verfügung als uns. Wir haben es zwar geschafft, dass einzelne Top-Krebsforscher hierzulande auf Augenhöhe mit den ausländischen Kolleginnen und Kollegen an der Weltspitze das Feld vorantreiben. Aber uns fehlt mehr Finanzierung. Gerade deshalb sind Förderungen durch Stiftungen für uns so wichtig.

Es liegt also vor allem am Geld?

Nein, nicht nur. Es gibt auch andere Hürden. Die Gesetzgebung zum Datenschutz ist ein Beispiel. Die ist nicht für die Forschung gemacht worden und behindert uns massiv in der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Wir haben beispielsweise nicht ohne weiteres Zugang zu Patientenproben und deren gekoppelten anonymisierten klinischen Daten anderer Kliniken. Die benötigen wir aber dringend für unsere Forschung.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte, dass die Chancen gut stünden, in zehn bis 20 Jahren den Krebs besiegt zu haben. Wie sehen Sie das?

Ich finde die Ansage mutig und gut. Wir brauchen unbedingt hochgesteckte, vielleicht auch verwegene Ziele. 20 Jahre in die Zukunft, das ist eine lange Zeit, da wird viel passieren. Die Forschungsergebnisse von heute werden erst in zehn bis 20 Jahren voll beim Patienten ankommen. Natürlich dürfen wir keine übertriebenen Hoffnungen und Erwartungen wecken. Wir werden den Krebs im Allgemeinen vielleicht nie ganz besiegen. Aber wir werden ihn weiter zähmen. Mit besser verträglichen Therapien, präziseren und wirkungsvolleren Behandlungen. Das ist unser täglicher Ansporn

Interview:Jakob Vicari

Andreas Trumpp

forscht am Deutschen Krebsforschungszentrum und leitet das Heidelberger Institut für Stammzell-Technologie und Experimentelle Medizin (Hi-Stem). Das Institut ist D darauf, Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die klinische Praxis zu übertragen. Trumpp studierte in Erlangen und Freiburg Biologie 1994 ging er an die Universität von Kalifornien in San Francisco und forschte bei Nobelpreisträger J. Michael Bishop und Gail R. Martin.

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