Woher kommt das Neue

?Kreativität

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Charlie Stein

Charlie Stein ist Künstlerin. Sie lebt davon, aus sich heraus immer wieder Neues zu erschaffen. Im Herbst 2019 verbrachte die 33-Jährige einen Monat in New York. Hier entstanden ihre Zeichnungen und Gedanken über den eigenen Schaffensprozess.

Charlie Stein

Meine Zeichnungen ergeben sich häufig aus Gesprächen. Ich mache mir die ganze Zeit Notizen, schreibe Textfragmente. Dann suche ich nach Bildern. Manchmal entstehen sie ganz schnell, ich habe aber auch ein riesiges Bildarchiv, aus dem ich schöpfe. Und dann überlege ich: Welches Bild passt am wenigsten zum Text?

Während ich an einer neuen Arbeit sitze, habe ich oft das Gefühl, dass die einzelnen Teile überhaupt nicht zusammenpassen. Da ist ein wahnsinniger Bruch! Ich hoffe dann sogar, dass diese Arbeit niemand außer mir sieht.

Neue Arbeiten entstehen nicht nur aus der Recherche, sondern haben fast immer eine Verbindung zu emotionalen, manchmal auch schrecklichen, fast unerträglichen Momenten. Einige der stärksten Arbeiten sind sogar das Ergebnis von Situationen, in denen ich mich mit jemandem kritisch auseinandersetzen musste oder herabgesetzt worden bin. Das ist das Spannende am künstlerischen Prozess: Man kann selbst negative Erfahrungen für die eigene Arbeit nutzen – ich empfinde dies auch als etwas ganz Besonderes am kreativen Prozess.

Ich glaube, die Angst zu scheitern besitzt eine unglaubliche Kraft, aus der Neues entsteht. Scheitern bedeutet im weitesten Sinne ja, dass etwas eintrifft, was ich mir nicht vorgestellt habe. Ich beginne also mit einer Vorstellung, die nicht erfüllt werden wird. Ähnlich wie Schriftstellerinnen versuchen, mit Sprache Gedanken und Emotionen festzuhalten versuche ich es mit der Kunst. Es ist aber unmöglich, das Flüchtige in eine Form zu gießen,es lässt sich nicht festhalten.

Man braucht viel Mut, um Kunst zu machen. Oft blickt man auf eine neue Arbeit wie in einen Abgrund, mit dem man nicht gerechnet hat. Ich erkenne den Sinn einer Zeichnung, einer Skulptur oder Fotografie oft erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand. Es ist wichtig, die Arbeit irgendwann loszulassen und die Deutungshoheit abzugeben. Ich bin ja selbst ein soziales Wesen und geprägt von jahrhundertealten Traditionen und Einflüssen, denen ich mich auch als Künstlerin nicht entziehen kann.

Mich beschäftigt immer wieder die Frage, wie sich der Mensch in der Gesellschaft bewegt. Zurzeit scheint mir das Verhältnis von Mensch und Maschine so dringlich wie nie zuvor. Wir schaffen Roboter als perfekte Abbilder und machen sie zu unseren Sklaven. Die Vorstellung macht mich traurig. Wir bauen ein dem Menschen nachempfundenes Wesen, nur um es dann dominieren zu wollen.

Charlie Stein

hat an den Staatlichen Akademien der Bildenden Künste in München und in Stuttgart Malerei und Bildhauerei studiert. 2017 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin bei Christian Jankowski ab. Charlie Stein erhielt mehrere Stipendien, darunter das Baden-Württemberg-STIPENDIUM. Mit ihren Arbeiten war sie unter anderem bei der Manifesta sowie der Istanbul Biennale vertreten und hatte Ausstellungen in Shanghai und New York. 2019 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Limburg. Die gebürtige Waiblingerin lebt und arbeitet in Berlin. Seit Dezember 2019 leitet Charlie Stein das Berliner Seminar der französischen Kunstuniversität E-Artsup.

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