Verändern wir uns erst, wenn es zu spät ist

?Klima

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Klaus Töpfer

Ein Gespräch mit einem, der sich schon seit vielen Jahren damit beschäftigt, wie wir die Erde bewahren können. Und der seinen Enkeln eine Gesellschaft wünscht, in der die Menschen sich ihrer tiefen Verbindung zur Natur bewusst sind.

Herr Töpfer, die Umwelt ist zu einem Mega-Thema geworden. Wie sieht das einer, der sich schon seit einigen Jahrzehnten mit ihr beschäftigt?

Klaus Töpfer:Ja, die Themen, die mein Berufsleben geprägt haben, haben gerade Konjunktur. Der weitere Lebenslauf meiner Nachfolgerinnen und Nachfolger in diesem Ressort erwecken den Anschein, dass dieses Amt eine Art politischer Durchlauferhitzer ist. Ich denke, Klima und Umwelt sind zu Recht in den Mittelpunkt der gesellschaftspolitischen Debatte gerückt, und zwar auf allen Ebenen: kommunal, national, global. Aber genau genommen geht es über den klassischen Begriff der Umwelt hinaus.

Warum?

Der Begriff Umwelt signalisiert eine anthropozentrische Sicht: Hier sind wir Menschen, und uns umgibt eine Welt, die Umwelt eben. Das ist genau die Einstellung, die uns in die Misere geführt hat. Ich bin und bleibe der Meinung, dass der Mensch ein Teil der Schöpfung ist. Dass er sich die Erde nicht untertan mache, sondern dass er sie bebaue und bewahre. Papst Franziskus hat das in seiner zweiten Enzyklika, “Laudato si’“, wunderbar formuliert. Du musst den Schrei der Erde und den Schrei der Menschen zusammenhören. Das genau ist es.

Haben Ihre Jahre in Afrika etwas zu diesem Weltbild beigetragen?

Unbedingt. Die Zeit in Afrika und bei der UN haben meinen Blick auf die Welt außerordentlich verändert. Wenn du acht Jahre in Afrika warst, dann kannst du nicht mehr nachvollziehen, dass Klima und Umwelt geradezu sträflich auf die nationale Dimension, etwa in Deutschland, verengt werden. Klimawandel ist ein globales Thema, und es ist leider so, dass ein Viertel der Menschen auf dieser Erde den derzeitigen Zustand verursacht hat – die anderen drei Viertel leiden darunter, sie zahlen die Rechnung.

Trotzdem scheinen wir aus unseren Fehlern nicht zu lernen. China beispielsweise finanziert nach wie vor den weltweiten Ausbau von Kohlekraftwerken.

Zunächst einmal stehen jedem Land dieser Erde Entwicklungsperspektiven zu. Afrika verfügt über große Vorräte fossiler Energieträger und wird bald Heimat von zwei Milliarden Menschen sein – von mehr als 35 Prozent der Weltbevölkerung. Da ist doch klar, welche Diskussionen in puncto Energiebedarf geführt werden. Die spannende Frage ist, wie wir Europäer dazu beitragen können, dass andere sich entwickeln, ohne unsere Fehler zu wiederholen. Wenn wir nicht als Besserwisser auftreten, dann können wir von den Chancen profitieren, die sich bieten. Aber diese Chancen scheinen viele überhaupt nicht zu sehen.

         Die Diskussion um Umwelt und Klima macht mich in höchstem Maße nachdenklich und unruhig.                  Die Diskussion um Umwelt und Klima macht mich in höchstem Maße nachdenklich und unruhig.                  Die Diskussion um Umwelt und Klima macht mich in höchstem Maße nachdenklich und unruhig.                  Die Diskussion um Umwelt und Klima macht mich in höchstem Maße nachdenklich und unruhig.         

Wie meinen Sie das?

Die Diskussion um Umwelt und Klima macht mich in höchstem Maße nachdenklich und unruhig. Wir debattieren hierzulande vor allem die Probleme und rufen nach Verzicht und Verbot und vergessen zu klären, welche Perspektiven für Wissenschaft und Forschung sich in einem technologisch führenden Land damit verbinden.

Ein Beispiel?

Nehmen wir die Solarenergie. Die haben wir Deutschen globalisierungsfähig gemacht und damit eine kreative, ökologisch und ökonomisch sinnvolle Antwort auf die Verbrennung fossiler Energien gegeben. Warum kommt kein Mensch auf die Idee zu sagen: Wie toll ist es, was wir da in die Welt gebracht haben! Wenn wir das gemacht haben, welche anderen guten Ideen werden wir noch entwickeln? Die Kriterien für diese neuen Techniken: globalisierungsfähig, demokratiefähig, fehlerfreundlich, nachhaltig.

Welche Aufgaben sehen Sie dabei für die Politik?

Politik muss die Rahmenbedingungen für diese kreativen Lösungen schaffen. Ich verfolge mit einigem Unbehagen die Diskussion über die CO2-Steuer. Auf den Klimawandel, diese große Gefährdung für die ganze Menschheit, kann ich doch nicht nur antworten, indem ich Preise erhöhe. Da muss ich sagen: So kann es nicht weitergehen, Schluss, aus. Und dann werde ich entsprechend ordnungspolitisch aktiv. Natürlich wird das nicht nur populär sein. Aber ich kann als Politiker doch nicht etwas aufgeben, wenn ich es für wirklich notwendig erachte. Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.

Sie stimmen also den jungen Menschen zu, die in vielen Ländern auf die Straßen gehen und beklagen, dass Politikerinnen und Politiker nicht genug tun?

Es zeigt sich, dass die Politik weltweit und damit auch in Deutschland diese Hausaufgaben vernachlässigt hat. Nicht nur in meiner Partei haben viele die Umwelt als einen Wurmfortsatz der Ökonomie betrachtet. Ein großer Fehler. Es ist das Vorrecht von jungen Menschen, ihrem Ärger darüber lautstark und auch provozierend Ausdruck zu verleihen. Ich bin zuversichtlich, dass der Protest genug Druck entfaltet. Es zeigen sich bereits erste Konsequenzen. Was diese Bewegung der Politik und der Gesellschaft allerdings nicht abnehmen darf, das sind Prozesse demokratischer Willensbildung. Alle Entscheidungen müssen demokratische Mehrheiten finden.

Haben wir noch Zeit für langwierige Debatten, ist es nicht schon fünf nach zwölf?

Es ist für einige offenbar verführerisch zu argumentieren, dass wir nicht mehr auf die tumbe Masse warten können, sondern handeln müssen. Ich sage: Wir müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse unbedingt in demokratische Strukturen einbringen. Meine Generation wäre gescheitert, wenn die Antwort auf die Gefährdung des Planeten hieße: Öko- oder Experten-Diktatur.

         Ich wünsche den nachfolgenden Generationen eine Gesellschaft, die auf einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft fußt.                  Ich wünsche den nachfolgenden Generationen eine Gesellschaft, die auf einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft fußt.                  Ich wünsche den nachfolgenden Generationen eine Gesellschaft, die auf einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft fußt.                  Ich wünsche den nachfolgenden Generationen eine Gesellschaft, die auf einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft fußt.         

Sind Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung möglicherweise so große und komplexe Themen, dass wir uns fast nach jemandem sehnen, der sagt: Da lang!

Ja, in extrem komplexen Situationen besteht die Gefahr, dass die sogenannten schlimmen Vereinfacher auf den Plan treten. Diejenigen, die schnelle Lösungen versprechen. Auch das sehe ich mit Sorge: Wir denken oft, es müsse so etwas wie den großen Befreiungsschlag geben. Das wird es nicht. Es geht um die langfristige Gestaltung unseres Lebens auf diesem Planeten. Und da müssen wir mit ruhigem Kopf, klarer Perspektive und in vielen Schritten vorankommen und dabei die Menschen mitnehmen.

Mehr Ruhe in einer Zeit, in der Politik zunehmend über Kurznachrichten gemacht wird …

Natürlich ist das nicht einfach! Aber je kurzfristiger und getriebener du agierst, umso alternativloser wirst du bald sein. Kurzfristige Entscheidungen begrenzen den Spielraum kommender Generationen für die Umsetzung ihrer Zukunftsvorstellungen.

Wo haben Sie persönlich Ihr Verhalten verändert, sind umweltbewusster geworden?

Ich esse wenig Fleisch, damit geht es mir körperlich besser. Ich war immer schon Zugfahrer. Das gibt mir die Zeit, zu lesen und mich auszuruhen. Weniger Pendeln zum Arbeitsplatz ist ebenso angesagt – eigentlich eine Selbstverständlichkeit für mein Alter. Außerdem bin ich ein schlechter Shopper, ich gehe einfach nicht sehr gerne in Geschäfte. Also alles keine ethisch anspruchsvollen Entscheidungen.

Diskutieren Ihre Enkelkinder mit Ihnen über das Klima?

Sie kommen gerade in das Alter, in dem sie darüber nachdenken. Meine Enkeltochter ist 14 und geht freitags demonstrieren. Und wenn sie mich persönlich kritisch befragt, was ich mitentschieden habe, dann werde ich mit ihr darüber natürlich sprechen. How dare you? Diese Frage ist gestellt, und ich will und kann sie beantworten.

Wie sollte die Gesellschaft aussehen, in der Ihre Enkel leben?

Ich wünsche den nachfolgenden Generationen eine Gesellschaft, die auf einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft fußt. Die die Menschen enger in Entscheidungen einbindet. Die nicht alles macht, was sie technologisch kann. Eine Gesellschaft, in der die Menschen sich ihrer tiefen Verbindung zur Natur bewusst sind. Die sich zu Werten bekennt und weiß, dass Wissenschaft nie wertfrei sein wird. Eine Generation, die bemüht ist, ihre Visionen und Träume zu realisieren, und die nicht durch die negativen Konsequenzen unserer Entscheidungen darin begrenzt wird.

Sind uns Werte abhandengekommen?

Das ist sicherlich der Fall. Es gibt keinen allgemein akzeptierten Kanon anerkannter Werte. Diese Tatsache würde wahrscheinlich eine Mehrheit in Deutschland als gut und richtig bezeichnen. Das sehe ich mit wirklich großer Sorge.

Interview:Iris Hobler

Klaus Töpfer

trat 1972 in die CDU ein. Von 1987 bis 1994 war der promovierte Volkswirt Umweltminister in der Regierung von Helmut Kohl. Acht Jahre lang leitete er als Exekutivdirektor das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi, sechs Jahre war er Chef des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Vor drei Jahren gründete der heute 81-Jährige gemeinsam mit zwei Partnern einen Think Tank für Nachhaltigkeit in Berlin.

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