Müssen wir eine grüne Revolution starten

?Grüne Revolution

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Alexander Repenning

Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wie.

Dr. Alexander Grau

Klimaschutz ist nicht alles. Gerade dann, wenn man das Klima schützen will.

PRO
CONTRA

Was soll das für eine Revolution sein, zu der eine schwedische Schülerin, der Papst, der ehemalige Vizepräsident der USA, Hollywood-Stars, Forscherinnen und Forscher sowie Millionen junger Menschen weltweit aufrufen? Sie wollen keine Regierungen stürzen, sondern die natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten erhalten.

Die Frage ist nicht, ob wir eine grüne Revolution brauchen oder nicht. Wenn es das Ziel ist, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, braucht es „schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft“. Das sagen nicht etwa Revolutionsromantikerinnen oder eine ungeduldige Jugend – das ist die Schlussfolgerung des Weltklimarats.

Seit über 30 Jahren wissen wir, wie bedrohlich die globale Erwärmung ist. Doch erst Fridays for Future brachte die Klimakrise zurück auf die politische Tagesordnung. Was Jahrzehnte wissenschaftlicher Aufklärung nicht vermochten, gelang einer aufgebrachten Generation in Monaten. Hätten die Proteste nach Schulschluss stattgefunden, wäre das Klima wohl noch heute ein Thema unter vielen. Erst Sätze wie „Weil ihr uns die Zukunft klaut“ oder Gretas „How dare you?“ rüttelten die Gesellschaft aus ihrem klimapolitischen Dauerschlaf. Sie waren, in den Worten des Philosophen Günther Anders, die notwendigen „Übertreibungen in Richtung Wahrheit“, die uns die Augen für die Wirklichkeit des Klimanotstands öffneten.

Die streikende Jugend lieferte die Antwort auf die Frage des Warum? im Klimaschutz: Es geht nicht (nur) um die Umwelt, um ferne Zeiten oder ferne Orte – es geht um die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Sie vermittelte endlich die Dringlichkeit, die ölfinanzierte Kampagnen und eine verzerrte mediale Berichterstattung jahrzehntelang herunterspielten. Wer den Protestierenden heute zu Geduld und Sachlichkeit rät oder eine emotionale Sprache kritisiert, sollte das nicht vergessen.

Rationalität erfordert, Tatsachen anzuerkennen und der Situation angemessen zu reagieren. Tatsache ist: Mit dem Klima lässt sich nicht verhandeln. Die Geophysik ist unser Handlungsrahmen, nicht eine Interessengruppe unter vielen. Es ist daher angemessen, wenn Parlamente den Klimanotstand ausrufen oder Ursula von der Leyen die nötigen Anstrengungen mit der Mondlandung vergleicht. Angemessen wäre auch, die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015 ernst zu nehmen. Doch davon sind wir weit entfernt.

In Paris einigten sich alle Staaten, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad, mindestens aber auf „deutlich unter 2 Grad“ begrenzen zu wollen. Aktuell steuern wir jedoch auf eine Erderhitzung von 2,8 bis 3,2 Grad zu. Dabei ist schon der Unterschied zwischen 1,5 und 2 Grad gravierend: Bei 1,5 Grad Erwärmung wären bis zu 457 Millionen weniger Menschen laut Weltklimarat von klimabedingten Risiken wie Dürre oder Überschwemmungen betroffen; halb so viele Menschen würden von Wasserknappheit bedroht; und es gäbe bis zu 190 Millionen weniger Todesfälle.

Die Klimakrise ist keine Bedrohung für die Menschheit, sondern für ihre Menschlichkeit. Anders als die eine Million Arten, die derzeit bedroht sind, werden die Menschen nicht aussterben. Doch wer die düsteren Szenarien einer 3-Grad-Welt als Panikmache, Hypermoral oder Apokalypsegeraune abtut, sei an den Bericht Philip Alstons erinnert, der im Juni 2019 veröffentlicht wurde. Der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte warnte darin vor einem Szenario der „Klima-Apartheid“, in dem sich die Reichen vor Hitze, Hunger und klimabedingten Konflikten schützen können und alle anderen darunter leiden. Der Klimawandel drohe, so Alston, die Errungenschaften der vergangenen 50 Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit, Gesundheitsversorgung und der Minderung von Armut rückgängig zu machen.

Die Frage ist daher nicht, ob wir eine grüne Revolution brauchen oder nicht. Die Natur hat bereits begonnen zu rebellieren. Es ist vielmehr die Frage, wie gerecht wir die bevorstehende Transformation gestalten.

Emotionen machen blind, wie jeder weiß, der einmal verliebt war. Emotionen kennen nur hell und dunkel, schwarz oder weiß. Für Zwischentöne sind sie kaum empfänglich. Deshalb ist es so schön, zu lieben, zu bewundern oder anzubeten. Und deshalb hat es auch etwas Befriedigendes, zu verachten und zu verabscheuen. Gefühle geben Sicherheit. Man weiß, wo man steht. Und man kann sich einer Sache hingeben. Mit Haut und Haar.

Allerdings lehrt die Lebenserfahrung: Das ist schon in privaten Beziehungen destruktiv. Erst recht aber in der Politik. Dies gilt umso mehr, als politische Kommunikation nur über Emotionen funktioniert. Denn wer etwas in der Politik erreichen will, muss Menschen für sich einnehmen, er muss begeistern und motivieren. Deshalb setzen totalitäre Regime auf Massenmobilisierung. Und auch Demokratien leben von Emotionalisierung.

Jeder Wahlkampf zielt darauf ab, Wähler zu gewinnen. Und das geht am einfachsten über Gefühle. Wer meint, einen Wahlkampf allein mit nüchternen Argumenten zu gewinnen, wird ihn sicher verlieren. Denn der Mensch ist vor allem ein fühlendes Wesen. Er hat Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Träume. Und er möchte zu einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten gehören. Das gibt ihm Halt. Die Ratio, auf die er so stolz ist, verwendet Homo sapiens vor allem zur verbalen Rationalisierung seiner irrationalen Vorentscheidungen.

Die Institutionen einer repräsentativen Demokratie, Parteien, Parlament, Opposition und Regierung, haben daher immer auch die Funktion, die irrationalen Motive der Wähler zu kanalisieren, sie in sachliche, vernünftige Argumente zu verwandeln. Das gelingt nicht immer, und zum politischen Streit gehört auch die unsachliche Polemik, doch im Kern haben demokratische Institutionen immer eine hygienische Funktion: Sie versachlichen, wo Unsachlichkeit schwelt.

Das ist mitunter langweilig und dröge, aber wichtig für den politischen Frieden einer Gesellschaft. Anstelle der Bürger debattieren die Parlamentarier und Parteifunktionäre. Sie führen einen Stellvertreterdisput. Das führt allerdings dazu, dass die zwischenparteilichen und innerparlamentarischen Konflikte ritualisiert sind. Neue Themen, Anliegen und Sichtweisen haben es da naturgemäß schwer. Das ist die Chance außerparlamentarischer Bewegungen. Sie bringen politische Forderungen direkt auf die Straße oder – seit einigen Jahren – direkt in die sozialen Medien, ohne den langen Marsch durch die Institutionen gehen zu müssen. Ihr Mittel, spätestens seit den 60er Jahren, ist die politische Aktion, das Sit-in, das Happening. Ihre Sprache ist hoch emotional, radikal und polemisch.

Denn außerparlamentarische Bewegungen brauchen Aufmerksamkeit, sonst versanden sie. Und Aufmerksamkeit bekommt man in einer Massenmediengesellschaft nur durch Provokation und das Erzeugen starker Bilder. So gesehen, ist die Idee und Ästhetik von Fridays für Future (FFF) ein alter Hut.

Doch Massenemotionalisierungen haben auch eine dunkle Seite. Sie fanatisieren, sie machen blind, selbstgefällig, rücksichtslos und überheblich. Sie schalten das differenzierte Denken aus und geben das Gefühl, im Recht zu sein. Denn das Gemeinschaftserlebnis macht stark, es wirkt wie eine Echokammer und suggeriert, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Bei einem so komplexen Thema wie dem Klimaschutz ist das verhängnisvoll.

Denn Klimaschutz greift – anders als die Anliegen der Friedens- oder Anti-Atomkraftbewegung früherer Jahrzehnte – unmittelbar in das Leben aller Bürger ein, in ihren Konsum, ihren Lebensstil, ihr Freizeitverhalten, ihre Arbeitswelt. Bei einem solchen Thema muss es zu Zielkonflikten kommen. Und das nicht nur mit Blick auf Wohlstand und soziale Sicherheit. Nicht selten kollidiert Klimaschutz mit anderen Umweltschutzfragen. Auch wenn es provozierend klingt: Klimaschutz ist nicht alles. Gerade dann, wenn man das Klima schützen will.

Doch Massenbewegungen wie FFF leben von Vereinfachungen und von Schlagworten. Sie sind Ausdruck einer kollektiven Ambivalenzverweigerung. Aber die Welt ist nicht einfach. Das aber können hoch emotionalisierte Massenbewegungen nicht akzeptieren. Es widerspricht ihrer Logik. Also huldigen sie früher oder später einem primitiven Voluntarismus: Man muss nur wollen. Und wer nicht will, der entlarvt sich als egoistisch, asozial, als verblendet oder zumindest als dumm. Die Vorstellung, dass es außerhalb des eigenen Erregungskollektivs eine Wahrheit geben könnte, wird zur Ketzerei. Das ist der Moment, in dem politische Massenbewegungen ins Totalitäre und Antidemokratische kippen. Man wird Opfer der eigenen apokalyptischen Rhetorik. Der Zweck heiligt das antidemokratische Mittel. Schließlich geht es um die Rettung der Welt. Und am Horizont dämmert das ökologische Notstandsgesetz.

Außerparlamentarische Bewegungen können Denkanstöße geben. Doch wenn sie sich selbst als Brechstangen der politisch Erleuchteten missverstehen, gefährden sie den inneren Frieden und leisten totalitären Fantasien Vorschub – natürlich immer im Namen des Guten.

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Alexander Repenning

ist Politökonom und arbeitet für die Right Livelihood Foundation daran, Aktivismus und akademische Welt zusammenzubringen. Er engagiert sich für politische Partizipation, Klimapolitik und globales Lernen. Gemeinsam mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat er das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben (Tropen, 2019).

Dr. Alexander Grau

ist Philosoph und arbeitet als freier Publizist, Kultur- und Wissenschaftsjournalist. In seinen Kolumnen für Cicero-online beschäftigt er sich mit Fragen des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeistes.

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