Bringt digitale Bildung mehr Köpfchen

?Digitale Bildung

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Dejan Mihajlović

„Hängt ganz davon ab, was man unter Köpfchen versteht.“

Prof. Dr. Paula Bleckmann

„Nein. Sie erfordert mehr Köpfchen.“

PRO
CONTRA

Wenn über Digitales in der Schule diskutiert wird, wird häufig die Frage nach dem Mehrwert gestellt und der Vergleich zu traditionellen Kulturtechniken bemüht. Schließlich soll bewiesen werden, dass etwas Neues im Vergleich zum Alten einen höheren Wert besitzt, um es damit zu legitimieren. Diese Vergleiche erzeugen meiner Ansicht nach einen unnötigen Konflikt.

Im Mittelpunkt dieser Debatte steht das Lernen, dessen Prozesse und Settings. In welcher Form der Bildungskanon noch zeitgemäß ist, darüber ließe sich lange streiten. Themen wie Digital Literacy oder Data Science kommen darin zumindest nicht vor. Unstrittig ist aber, dass Lernen, wie es heute noch größtenteils stattfindet, sich verändern muss. Weil beispielsweise die Fähigkeit, authentische Probleme lösen zu können, an Bedeutung zunimmt. Authentisch ist ein Lernumfeld dann, wenn es die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern in den Mittelpunkt stellt. Und wenn es sie motiviert, Fragen nachgehen zu können, die sie als ihre verstehen, und sie in die Lage versetzt, diese zu klären. Wie begegnen wir dem Klimawandel? Wie können Demokratien in diesen Tagen verteidigt und gestärkt werden? Antworten auf diese Frage stehen in keinem Lösungsbuch.

Der Rahmen, in dem Bildung neu gedacht und ausgehandelt werden muss, ist die digitale Transformation. Wir befinden uns in einem kulturellen Wandel, der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert, kommunal wie global. Bildung im digitalen Wandel ist demnach keine Frage von Unterrichtsfächern, Stundenplänen oder ob Schülerinnen und Schüler Computer oder Smartphone zum Lernen nutzen sollen oder nicht – es geht vielmehr darum, in welchem Kontext Unterricht mit Digitalem eingebettet ist.

An unserer Schule nutzen die Schülerinnen und Schüler in bestimmten Stunden ihre Smartphones, um ihre Arbeitsergebnisse über den Beamer auf die Wand zu projizieren und gemeinsam darüber zu diskutieren. Oder sie teilen ihre Bildschirme und arbeiten in Kleingruppen miteinander. Kamen früher innerhalb einer Unterrichtsstunde nur wenige Schülerinnen und Schüler zu Wort, können jetzt alle aktiv werden: Mit einer kollaborativen Plattform bearbeitet und kommentiert die ganze Klasse zeitgleich einen Text. Und ich als Lehrer kann mich dazu mit jedem Einzelnen austauschen. Dass digitale Settings zu mehr Demokratie beitragen können, auch das erlebe ich an meiner Schule. Mit dem sogenannten aula-Konzept entwickeln unsere Schülerinnen und Schüler Ideen für die Schule, die sie online präsentieren, über die sie abstimmen und sie dann realisieren.

Die Möglichkeiten, digital zu partizipieren, wie wir es an unserer Realschule praktizieren, stärken die Persönlichkeit von Schülerinnen und Schülern; es unterstützt diejenigen, die vielleicht eher zurückhaltend sind und die über digitale Angebote ermuntert werden, sich zu engagieren. Und es verändert das Lernumfeld, weil sich auch die Rollen zwischen „dem Lehrer da vorne“ und „den Lernenden da hinten“ wandeln.

Darüber hinaus, und das ist vielleicht noch wichtiger: Im Unterricht mit Digitalem eignen sich Schülerinnen und Schüler neue Kulturtechniken an. Smartphones, Tablets oder Computer sind also mehr als technische Vehikel – sie sind Kulturzugangsgeräte, mit denen sich Jugendliche Gehör verschaffen können. Mehr noch: Wer sie zu nutzen versteht, kann sogar soziale Unterschiede und Hierarchien überwinden. #MeToo und Fridays for Future sind gute Beispiele dafür. Hier ist es Frauen und jungen Menschen mit Erfolg gelungen, über Social Media Hierarchien auszuhebeln.

Es gibt viel Gutes über die neue Kulturtechnik zu sagen. Was mir allerdings in den meisten Debatten über “digitale Bildung” zu kurz kommt, ist der Aspekt der Bildungsungerechtigkeit. Es zeichnet sich ab, dass sich die materiellen Unterschiede in den Familien und Schulen auf die notwendigen Kompetenzen für eine Kultur der Digitalität der Kinder auswirken. Welche Technik vorhanden ist und welche Zeit und welches Wissen in den Umgang damit investiert werden können, weicht bei verschiedenen Elternhäusern und Schulen stark voneinander ab. Die Ungerechtigkeit von Bildungsverläufen kann zunehmen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Was bedeutet es eigentlich, mehr Köpfchen zu haben? Vielleicht geht es nicht darum, mehr, sondern ein anderes Köpfchen zu haben. Ein Köpfchen, das mit den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen unserer Zeit zurechtkommt. Ein Köpfchen, das junge Menschen zur kulturellen Teilhabe und Mündigkeit befähigt, in einer digital vernetzten Welt.

Die dritte Klasse hat Unterricht auf dem Schulhof. Dort ist mit Kreide ein großes Geflecht aus Quadraten, Pfeilen und Kreisen aufgemalt. Die Lehrerin teilt Leibchen aus, nummeriert von 1 bis 8. Haben die Kinder Sport? Nein, sie haben Informatik. Außerhalb des Klassenzimmers und auf spielerische Weise lernen sie, wie Sortier-Algorithmen funktionieren – jenes Grundprinzip, das dem Algorithmus bei der Treffersortierung einer Google-Recherche ähnelt.

An diesem kurzen Beispiel lassen sich wichtige Ziele eines integrierten Medien- und Gesundheitskonzepts erklären: Die Grundlagen informationsverarbeitender Systeme werden in Bewegung gebracht, sozusagen vom Greifen zum Begreifen. Dabei werden Rechenleistungen, die sonst unsichtbar verlaufen, anschaulich und nachvollziehbar. Die Art der Vermittlung trägt damit auch zur Demystifizierung digitaler Geräte bei. Die Schülerinnen und Schüler verstehen: Das ist eine Maschine und keine Zauberei.

Der Mensch sollte sich nicht in Ehrfurcht vor den vermeintlichen Wundern der Digitalisierung verneigen. Sondern allenfalls vor den Menschen, die die Geräte und Programme entwickelt haben, auf deren Grundlage Digitalisierung heute das Leben vieler Menschen verändert: positiv wie negativ. Aber sollten Kids dann nicht schon möglichst früh lernen, mit Digitalgeräten aktiv und kritisch umzugehen? Ein klares Nein!

Kinder verbrachten nach Expertenmeinung bereits 2014 doppelt so viel Zeit vor Bildschirmen, als ihnen gut tut. Nachgewiesene negative körperliche und psychosoziale Auswirkungen ausufernder Bildschirm-Mediennutzung sind: Übergewicht, Schlafstörungen, Kurzsichtigkeit, Empathieverlust, Konzentrationsprobleme, schlechtere Schulleistungen. Das Handyverbot an Frankreichs Schulen als Schutzraum vor digitaler Reizüberflutung ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Zudem ist die Annahme, durch frühe Nutzung werde der kritische und aktive Umgang mit digitalen Medien gefördert, schlicht falsch. Eine EU-weite Befragung belegte bereits vor Jahren das Gegenteil: Je früher und je öfter Kinder vor dem Bildschirm Zeit verbringen, desto niedriger ist ihre spätere Kompetenz, ihre Nutzung kritisch zu reflektieren. Der Bildschirm untergräbt die Basis für kritisches Denken, vor allem, weil er Zeit für die Ausbildung der Grundlagen im Sozialen und Kognitiven frisst.

„Aber Gamifizierung motiviert doch die Lernenden?“, hört man oft. „Ist das nicht etwas Gutes?“ In der Regel nicht. Denn Apps und Games, die im Sekunden- oder Minutentakt Belohnungen vergeben, machen abhängig von extrinsischer Motivation, vom billigen Dopamin-Kick. Sie korrumpieren das neuronale Belohnungssystem und zerstören dabei die Fähigkeit zum innengesteuerten Dranbleiben.

Die digitale Bildung an Schulen sollte sich an drei Grundprinzipien orientieren: analog vor digital, produzieren vor konsumieren, Durchschaubarkeit statt Black Box. Sie funktioniert bis mindestens zum Ende des Grundschulalters viel besser ohne digitale Geräte. Alle wichtigen von der Medienpädagogik beschriebenen Fähigkeiten, zum Beispiel aus dem umfassenden Medienkompetenzrahmen NRW, können hier besser vermittelt werden durch Daumenkino, Papptheater, Laterna Magica, Lochkartenspieluhr oder Gloggomobil, eine Kompositionsmaschine aus Holz.

Was mit diesen drei Grundprinzipien gelingt, misslingt heute der digitalen Bildungspolitik aus Berlin mit ihrem „früher, schneller, weiter“. Von dort kommt bisher kein an kindlichen Entwicklungsphasen orientiertes Programm für Medienmündigkeit – obwohl genau das die Kinderkommission im Deutschen Bundestag im Sommer 2019 einforderte. Deren Anspruch wird heute eher an reformpädagogisch orientierten Schulen wie Montessori oder Waldorf in die Tat umgesetzt. Vielleicht liegt der Grund darin, dass ihnen die Orientierung an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern näherliegt, die Orientierung an den Vermarktungsinteressen von Großkonzernen ferner?

Nein, das digitale Klassenzimmer bringt nicht mehr Köpfchen, es macht nicht schlau, es macht Kinder nicht fit fürs digitale Zeitalter. Im Gegenteil: „Digital-KiTa“ und „Tablet-Grundschule“ untergraben die Grundlagen dafür, dass Kinder zu mündigen Bürgern im digitalen Zeitalter heranwachsen. Hochproblematisch ist vor allem die falsche Botschaft ans Elternhaus: Bildschirm = Bildung. Diese Gleichung lässt die Bildungsschere noch weiter aufklaffen.

Das digitale Klassenzimmer und der digitale Hörsaal erfordern mehr Köpfchen – sowohl für die Lernenden als auch die Lehrenden. Und es braucht viel Bildung von Herz und Hand, damit der Einsatz von digitalen Medien fürs Lernen mehr Nutzen als Schaden haben kann.

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Dejan Mihajlović

unterrichtet an der Pestalozzi-Realschule in Freiburg. Er arbeitet außerdem als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung und als SMV-Beauftragter beim Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg. Dejan Mihajlović ist Co-Autor des Ratgebers „Routenplan #digitale Bildung: Auf dem Weg zu zeitgemäßer Bildung. Eine Orientierungshilfe im digitalen Wandel“.

Paula Bleckmann

ist Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter/Bonn. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Mediensucht und Medienmündigkeit. In Zusammenarbeit mit Ingo Leipner veröffentlichte die gebürtige Münchnerin 2018 den Familienratgeber „Heute mal bildschirmfrei“.

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