Wie zerbrechlich ist der gläserne Mensch

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Markus Beckedahl ist der Meinung: Digitiale Selbstverteidigung ist gefragt.

Die digitale Welt bietet viele Chancen. Und viele Menschen freuen sich darüber, dass sie im Idealfall individuell auf sie zugeschnittene Angebote erhalten. Aber es gibt auch Schattenseiten. Es besteht die Gefahr, dass wir manipulierbar werden, wenn andere Informationen über uns sammeln und mittels Statistiken berechnen, welchen Schritt wir als nächsten machen werden.

Es gibt Anzeichen dafür, dass ein Teil der Gesellschaft anfällig für bestimmte Arten von politischer Werbung ist. Die ist emotional auf bestimmte Adressatenkreise zugeschnitten und wird über Microtargeting so verfeinert, dass sie sehr spitze Zielgruppen erreicht. Ein anderes Beispiel: Wir bekommen keinen Kredit, weil vielleicht unsere Nachbarn ihre Handyrechnungen nicht regelmäßig bezahlt haben und das Mietshaus mit allen Bewohnern deshalb im Kreditscoring heruntergestuft wird. Computer arbeiten nicht immer so fehlerfrei, wie wir vielleicht denken. Sie entscheiden immer auf Basis von Daten und ziehen statistische Vergleiche. Die Daten können aber ungenau oder falschen Vergleichsgruppen zugeordnet sein. Und schon sind wir raus aus dem Kreditgeschäft.

Wer bietet uns Schutz vor Manipulation und Ungerechtigkeit? Auf der einen Seite gibt es den Staat, dessen Sicherheitsbehörden so viel überwachen wollen, wie es nur geht. Spätestens seit den Snowden-Enthüllungen ist bekannt, dass ohne eingebaute Verschlüsselung praktisch alles überwacht werden kann. Und dass Geheimdienste zentrale Netzknoten mit sogenannten Datenstaubsaugern rastern. Auf der anderen Seite steht die Wirtschaft. Sie kontrolliert weite Teile unserer neuen Öffentlichkeit und entwickelt vielfach Geschäftsmodelle, die ausschließlich mit der Verarbeitung und Anreicherung unserer Daten funktionieren. Datensammler sind nicht dazu verpflichtet, uns zu berichten, welche Daten sie über uns gesammelt und verarbeitet haben. Aber wir haben die Möglichkeit, diese Informationen von Unternehmen und Organisationen dank der Auskunftsrechte aus der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) anzufragen und auf Basis dieser Informationen dann unser Recht auf Löschen wahrzunehmen.

Die besten Datenschutzgesetze bringen allerdings nichts, wenn unsere Aufsichtsbehörden weiterhin zu wenig Personal haben, um ihren Aufgaben nachzukommen. Die DSGVO hat zwar einen globalen Standard gesetzt, sie ist aber nicht perfekt. Ein Problem besteht weiterhin: Will man seine Rechte gegenüber großen Datenkonzernen durchsetzen, muss man in der Regel nach Luxemburg oder Irland reisen. Dort sitzen die Europazentralen, aus Steuergründen. Besserer Schutz von Kommunikations- und Metadaten, verschlüsselte Standardeinstellungen oder klare Regeln gegen intransparentes Tracking – diese Punkte sind immer noch ungeklärt.

         Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.                  Digitaltechnik ist die Leittechnik dieser Gesellschaft. So wie es zur Zeit der Industrialisierung die Dampfmaschine und kurz danach das Fließband gewesen ist.         

Die informationelle Selbstverteidigung ist ein Grundrecht, das in der digitalen Welt leider weniger Bestand hat, als man hofft. Längst haben wir die Kontrolle darüber verloren, wer welche Daten von uns wo sammelt, aufkauft und mit anderen Daten kombiniert – und wer welche Schlüsse aus diesen Daten zieht, um uns Produkte zu verkaufen oder uns zu einer Wahlentscheidung zu motivieren.

Wenn Ihnen also jemand unaufgefordert Werbung mit der Post zuschickt, nutzen Sie Ihr Recht und verlangen Sie Auskunft darüber, woher Ihre Daten stammen. Und lassen Sie dann die Daten löschen. Das sollten Sie mindestens einmal gemacht haben, denn dadurch wird Ihnen bewusst, wie die Mechanismen des Überwachungskapitalismus funktionieren – und wie viele zusätzliche Daten über Sie gesammelt werden.

Bei all dem geht es vor allem darum zu begreifen, dass wir uns wehren können und nicht als durch und durch sichtbarer, ja, gläserner Mensch verletzlich und schutzlos sind. Wir können aktiv werden und eine bessere Netzpolitik einfordern. Nicht nur der Staat ist in der Pflicht. Auch wir Konsumenten tragen eine Teilverantwortung, indem wir uns bewusst für die Nutzung bestimmter Produkte entscheiden können. Wir haben uns daran gewöhnt, mit Google zu suchen. Und genau deswegen sind die Suchergebnisse dort auch so gut. Wir sollten uns aber nicht damit abfinden, sondern viel stärker datenschutzfreundlichen Alternativen eine Chance geben wie zum Beispiel den Suchmaschinen Metager, DuckDuckGo oder Startpage.

Die besten Regelungen und Produkte zur digitalen Selbstverteidigung bringen uns nur etwas, wenn wir lernen, wie wir uns digital souverän verhalten. Die Digitalkompetenz fällt beim Kauf eines Smartphones nicht vom Himmel. Der Staat muss für große Förderprogramme sorgen, die allen Teilen der Gesellschaft die notwendige Digitalkompetenz vermitteln – oder ausreichend Angebote schaffen, um jeden einzelnen mitnehmen zu können. Eine bessere digitale Gesellschaft ist möglich. Wir müssen dringend daran arbeiten.

Markus Beckedahl

ist Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org, einer der größten gemeinwohlorientierten Nachrichten-Websites in Deutschland. Er ist Mitgründer der re:publica-Konferenz, Europas führender Tagung zu „Internet und Gesellschaft“.Markus Beckedahl ist seit 2010 Mitglied des Medienrates der Medienanstalt Berlin-Brandenburg; von 2010 bis 2013 war er Sachverständiger in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu „Internet und digitale Gesellschaft“.

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